{"id":4700,"date":"2023-12-13T08:32:21","date_gmt":"2023-12-13T08:32:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.viennavant.at\/?page_id=4700"},"modified":"2024-03-11T21:21:32","modified_gmt":"2024-03-11T21:21:32","slug":"4700-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.viennavant.at\/en\/interdisziplinaerer-diskurs\/4700-2\/","title":{"rendered":"Gruppengespr\u00e4che"},"content":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie hatte l\u00e4ngere Zeit gr\u00f6\u00dfere Zusammenk\u00fcnfte weitgehend verunm\u00f6glicht. Danach sind wir \u00fcbereingekommen, uns mehr mit der Gegenwart zu befassen und mit der Frage, wo und wie Avantgarden heute agieren und zu verorten sind. Avantgarden haben stets auf gesellschaftliche Krisen geantwortet. Und Krisen gibt es zweifellos zahlreiche.<\/p>\n<p>Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen unseres Netzwerks haben in mehreren Gespr\u00e4chen besorgt die Entwicklung der Sprache in Richtung informeller Zensur bis hin zu Verboten thematisiert. Es gibt zu denken, dass sogar der chinesische K\u00fcnstler Ai Weiwei es als \u201eGefahr f\u00fcr die westliche Welt sieht, wenn man konkrete Konfrontation vermeidet und nicht mehr mit rationalen Argumenten streitet, sondern sich nach der moralischen Haltung irgendeiner Elite orientiert. Das unterscheide sich nicht von der Kulturrevolution Chinas: Wenn Sie eine Ideologie einfordern und die anderen Ideologien ausl\u00f6schen, wird die Gesellschaft faschistisch.\u201c Bahnt sich hier eine gef\u00e4hrliche Entwicklung an, die unsere demokratische Kultur und die Freiheit der Forschung bedroht?<\/p>\n<p><strong style=\"font-size: 18.6667px;\">&#8220;Offene Sprache&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Der Themenbereich rund um Canceling, kulturelle Aneignung und Gender, der die laufenden Auseinandersetzungen an den Universit\u00e4ten und in den Medien pr\u00e4gte und noch immer pr\u00e4gt, bewegte auch einige Mitgliedern von ViennAvant sehr. Unter dem Arbeitstitel \u201eOffene Sprache\u201c begann im Herbst 2022 eine interdisziplin\u00e4re Runde von 8 Mitgliedern damit, dieses Feld in Gespr\u00e4chsnachmittagen zu untersuchen. Zwischen November 2022 und Oktober 2023 gab es 6 Treffen dieser Gruppe in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur dazu, einmal mit G\u00e4sten. Fragen zu stellen war ein Ansatz f\u00fcr diese Gespr\u00e4chsreihe. Als Ziel war die Vorbereitung einer \u00f6ffentlichen Diskussionsveranstaltung zu diesem Themenbereich in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur angedacht.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Zusammenfassung des ersten Treffens am 28. Nov. 2022.<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Am 28. November, 15 Uhr trafen sich in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/badura-triska-eva\/\">Eva Badura<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/mitglieder-des-kompetenznetzwerks-viennavant\/\">Thomas Eder<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/dr-elisabeth-grossegger\/\">Elisabeth Gro\u00dfegger<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/helga-koecher\/\">Helga K\u00f6cher<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/univ-doz-dr-christoph-leitgeb\/\">Christoph Leitgeb<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/dr-hermann-schloesser\/\">Hermann Schl\u00f6sser<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/dr-gisela-steinlechner\/\">Gisela Steinlechner<\/a> mit dem Hausherrn <a href=\"https:\/\/www.viennavant.at\/staff-members\/mag-dr-manfred-mueller\/\">Manfred M\u00fcller<\/a>, um unter dem Stichwort \u201eOffene Sprache\u201c die verschiedenen Aspekte der aktuellen \u201eCancel Culture\u201c zu er\u00f6rtern. Ziel ist die Vorbereitung einer \u00f6ffentlichen Veranstaltung zu diesem Thema im kommenden Jahr.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Konkretisierung<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Zu Beginn werden zur Frage \u201cWas ist Cancel Culture?\u201d Beispiele gebracht.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Dass Political Correctness wichtig sei, dazu gibt es mehrheitlich \u00dcbereinstimmung. Das Problem sei die missbr\u00e4uchliche Verwendung. Was aber ist Missbrauch und wie werden die Grenzen gezogen?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Kunst verlange per se Freiheit und sei in abgezirkelten Erlaubnisr\u00e4umen nicht m\u00f6glich.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Meine Freiheit endet dort, wo ich Dir Schaden zuf\u00fcge.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Ein eigenes Kapitel sei Antisemitismus. Die abgelaufene documenta wird diskutiert, und dass, wie seri\u00f6se Stimmen meinen, die Kunst und auch das Anliegen des kuratorischen Teams in der sich skandalisierenden Medienemp\u00f6rung v\u00f6llig untergegangen seien.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Medienkritik.<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Diskussion zur Rolle der Medien und zur Notwendigkeit von Medienkritik. Gewisse Themen werden hochgespielt. Die Durchl\u00e4ssigkeit der Medien ist ein Problem. Jede Aussage wird zu einer Gratwanderung.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Es gibt die teils berechtigte Angst vor \u201efalschen Freunden\u201c. Wenn man aus dem linken Spektrum auch nur ein wenig ausschert, wird man gleich nach rechts geschoben.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">In dieser Situation befinden sich vermutlich auch Mainstream-Medien und sehen sich deshalb &#8211; mit Recht? &#8211; dem Vorwurf der Vereinheitlichung ausgesetzt. Es gibt jetzt eine Redaktionslinie, die bestimmt, was gesagt und berichtet werden darf. Meinungsvielfalt und Diskurs sind nicht mehr m\u00f6glich.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Argumente, die in konkreten Einzelf\u00e4llen richtig sind, werden zum allgemeinen Terrorinstrument. Das ist Missbrauch.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">In den sozialen Medien wird alles multipliziert und auch vereinfacht. Es gibt nur mehr richtig und falsch \u2013 das ist aber etwas anderes als wahr und unwahr. <\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es gibt Fakten.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Politik und Sprache, Politisierung von Sprache<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Politik als Sprachkontrolle.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Trump-Problem: Genderdebatte.\u00a0Genderdebatte \u00e4hnelt der Asyldebatte in der \u00d6VP.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">In der Ausdifferenzierung von Gendern sind wir an einem Punkt angekommen, wo nichts passiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Rechtschreibung ist f\u00fcr die Schulb\u00fccherverlage zum Problem geworden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Auch Kinderb\u00fccher sind ein schwieriges Thema. Beispiel Hatschi Bratschi.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Die Wiener Gruppe hat gezeigt, wie Politik von Sprache abh\u00e4ngt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Wie beeinflusst Sprache das Denken?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Scheitert liberale Politik immer?<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00d6konomischer Aspekt<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Beispiel: Eine ORF-Redakteurin meint zur Interviewten, sie sei ja \u201epensioniert, da k\u00f6nne sie das jetzt sagen\u201c. Die kritische \u00c4u\u00dferung wird aber dann trotzdem im Beitrag nicht gebracht und die Redakteurin wird in eine andere Abteilung versetzt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Haben Autor:innen, die kritisch auftreten, wirklich immer Nachteile? Das Beispiel Konrad Paul Liessmann wird diskutiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">In Deutschland gibt es seit einigen Jahren eine lebhafte mediale Debatte zu diesem Ph\u00e4nomen. Auf die Publikation von Hanno Rauterberg \u201eWie frei ist die Kunst?\u201c wird hingewiesen.\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Canceling wird von einigen als Druck \/Terror von unten gesehen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Im Gegensatz zu dem Druck, kritische \u00c4u\u00dferungen zu dieser Entwicklung nicht zu ver\u00f6ffentlichen, gibt es umgekehrt die Strategie, mit Canceling von Konkurrent:innen zu re\u00fcssieren: Beispiel. Bild einer wei\u00dfen K\u00fcnstlerin, das schwarze Kunst zeigt, wird deshalb auf die Forderung einer schwarzen K\u00fcnstlerin hin abgeh\u00e4ngt, die sich dann durch diese Aktion Aufmerksamkeit und finanziellen Erfolg verschafft. Das ist auch ein Gesch\u00e4ftsmodell.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Obwohl man den Vorwurf von Zensur vermeiden m\u00f6chte, gibt es bestimmte Formulierungen, die ein Buch ins Zwielicht bringen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Auch das Beispiel Rene Margritte wird erw\u00e4hnt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Beispiel Thema Otto Muehl, wozu die Bemerkung einer Museumsdirektorin zitiert wird: \u201eSo jemandem w\u00fcrde ich nie eine B\u00fchne geben\u201c.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Sprache als Handlungsepistem<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Die Sprache als Handlungsepistem: Beim Gendern zum Beispiel muss ich mich positionieren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Oswald Wiener wird zitiert, der schon in den 80er-Jahren die Sprache als Zentrum der Ver\u00e4nderung ausmachte.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Wir sind im Gegenstandsbereich. <\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Frage: Wie wird das durchgef\u00fchrt? Damit sind Zuschreibungen intendiert.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Einen Schritt zur\u00fcck von den konkreten Themen zu den Gef\u00fchlslagen einzelner.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Wie steht\u2019s mit der Relation von Weltwahrnehmung und Sprachgebrauch?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Rolle der Ironie \u2013 z.B. in den Chat-Protokollen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Sprachgebrauch<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Das Definitionsproblem unseres Sprachgebrauchs wird angesprochen. Es gibt eine Vielzahl von Demos, die ganz verschiedene Freiheitsbegriffe durchspielen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Sprachgebrauch ersetzt oft die Wirklichkeit.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Das ber\u00fchmte Beispiel vom Glas, das als halbvoll oder halbleer angesehen wird. Die einen sagen jetzt: Das Glas ist leer. Die anderen: Es ist voll. Die dritten: Es gibt kein Glas. Man kann sich nicht mehr einigen. <\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Diskurse fallen so stark auseinander, dass keine Verst\u00e4ndigung mehr m\u00f6glich ist.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">\u00c4sthetik darf f\u00fcr jeden Menschen sein.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Es gibt pers\u00f6nliche Entscheidungen &#8211; wie etwa Elfriede Jelinek mit Texten, Begriffen umgeht.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Zweifellos gibt es die Freiheit des Sprachgebrauchs, was andererseits von einigen auch als Problem gesehen wird.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Wie steh ich zu etwas und muss ich das jetzt allen sagen?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Debatte zur Frage \u201eWar es fr\u00fcher anders?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Die Handhabung von Sprache wird eindeutig, hat eindeutig zu sein. Eine Verengung findet statt, keine Differenzierung ist mehr m\u00f6glich. Die Kategorien Diversit\u00e4t und Ambivalenz gehen verloren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Der Sprachgebrauch ist die Ebene, die uns alle betrifft. \u00a0Wer bestimmt diesen Diskurs?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Man h\u00e4lt sich zur Sicherheit an bestimmte Vorgaben, von denen unklar ist, woher sie kommen. Eine Kollegin f\u00fchlt sich bei der \u00fcbertriebenen Vorsicht, ungeschriebene Sprachverbote nicht zu \u00fcbertreten, an die Nazizeit erinnert, von der jetzt Menschen genau wissen, was die V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter damals h\u00e4tten tun sollen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Gibt\u2019s so ein Grundrecht wie die Freiheit des Sprachgebrauchs?<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Rechtslage<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Diese ist unterschiedlich zwischen Europa und den USA:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">In Europa gilt Meinungsfreiheit<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">In den USA gibt es die Redefreiheit, &#8211; die dort auch radikalen Faschismus erlaubt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Welche Rechte hat jeder Mensch?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Welche konkreten Sprachverbote gibt es heute?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Was verbietet Appropriation? Das Bild m\u00fcsste sprechen, ob es gut ist oder nicht<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Gr\u00fcnde:<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Wer hat da was ge\u00e4ndert?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Radiokolleg: Cancel Culture wurde von einer afro-amerikanischen Twitter-Gruppe erstmals verwendet.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Die Ideen von Political Correctness kommen von US-amerikanischen Philosophinnen und werden hier von den Jungen aufgenommen als eine Art der Protestkultur.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Was f\u00fcr Bed\u00fcrfnisse dr\u00fccken die Jungen da aus?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Das partielle Sprechen der Jungen:\u00a0 Im famili\u00e4ren Umfeld fordern Junge strenge Political Correctness von \u00c4lteren ein, privat dagegen ahmen die gleichen Jungen die Sprache von Rappern nach. (Beispiel von Thomas Raab)<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Historisches Bewusstsein<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Das Fehlen eines historischen Bewusstseins in der Debatte wird festgestellt. Diese Unterscheidung sei wichtig und m\u00fcsse eingefordert werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Durch Canceling oder nachtr\u00e4gliche Ver\u00e4nderung mache man Bereinigung nach hinten, die eine Form von Geschichtsvergessenheit sei.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Beispiel Hans Magnus Enzensberger, der sich vehement dagegen wehrte als \u201eGewissen der Nation&#8221; bezeichnet zu werden. Dass der Dichter stellvertretend f\u00fcr sein Volk sich \u00e4u\u00dfert, das war einmal eine historische Situation und es ist gut, dass das nicht mehr so ist. Fr\u00fcher konnte man Texte identifikatorisch lesen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00dcbersetzung:<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Durch das Fehlen des historischen Bewusstseins kommt es zu haarstr\u00e4ubenden verzerrenden Falsch\u00fcbersetzungen. Beispiel: Der Nigger von Joseph Conrad wird nun als \u201eDer Niemand&#8221; \u00fcbersetzt.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Gesellschaft<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Wo stehen wir nun in unserer liberalen \u201eDemokratie\u201c, an welchem Punkt sind wir da angelangt? \u00a0Es gab immer Abweichungen, es gab immer Zensur. Aber es gab immer Widerstand dagegen und die Rebellion fortschrittlicher Kreise.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Wieviel Freiheit vertragen wir alle? Warum kann Freiheit nun nicht mehr ausgehandelt werden?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Es gibt die \u201eneue Empfindlichkeit\u201c. Viele Verlage setzen schon vorsorglich eine Triggerwarnung auf das Deckblatt einer Publikation. Die Illusion wird damit bef\u00f6rdert, dass wir alle so wahnsinnig empfindlich w\u00e4ren. \u201eWenn ich aber bei jeder andersartigen Meinung weinen muss, ist ja mit mir auch etwas nicht in Ordnung\u201c.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Was passiert da mit unserer Gesellschaft? Was hei\u00dft es, ein kritischer Mensch zu sein?<br \/>\nJetzt macht eine Winzigkeit einen Riesenunterschied. Alles wird moralisiert, in gut \/ schlecht eingeteilt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">\u00dcblich, dass jemand sagt: Wenn die dabei ist, geh ich nicht hin\u2026.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Wer kriegt die Aufmerksamkeit? Wo kann man Aufmerksamkeit sonst erreichen?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Man muss diese Fragen weiterf\u00fchren: Wo wird\u2019s nicht mehr handhabbar?\u201c.\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Konsens dar\u00fcber, dass Diskurs \u00fcber Themen aus verschiedenen Gesichtspunkten m\u00f6glich sein muss und zu einer Demokratie geh\u00f6rt. Es br\u00e4uchte Verst\u00e4ndigung und gegenseitiges Verst\u00e4ndnis in der Gesellschaft, nicht Spaltung.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">RadioKolleg zu Cancel Culture: Calling in statt Calling out.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Frage des Formats<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">\u201eWo wollen wir hin?\u201c stellt ein Kollege die entscheidende Frage und pl\u00e4diert f\u00fcr eine uns ja n\u00e4her liegende Fokussierung auf die sprachlichen Grundlagen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Ein Vorschlag wird gebracht, die konkreten F\u00e4lle zu recherchieren. Damit k\u00f6nnte diese Praxis der Cancel Culture diffamiert werden. Dieses Vorhaben erscheint allerdings sehr aufwendig.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Die F\u00fclle der Themen erfordere ein Symposium, bringt ein Kollege ein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Zusammenfassung des zweiten Treffens am 10. J\u00e4nner 2023:<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Junge Generation.<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Anfangs werden einige Beispiele zu der sehr unterschiedlichen Haltung von jungen Menschen zu diesem Ph\u00e4nomen gebracht, die diese Entwicklung zum Teil begr\u00fc\u00dfen, zum Teil als Unsinn abtun.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Menschen aus der jungen Generation sollen in unsere Diskussion einbezogen werden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00dcberlegungen, wie z.B. Studierende von erkl\u00e4rten Gegnern von Cancel Culture wie den Professoren Konrad Paul Liessmann oder Robert Pfaller die Thematik betrachten.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Informationen zu verschiedenen Medienbeitr\u00e4gen werden ausgetauscht.<\/span><\/p>\n<p><strong style=\"font-size: 16px;\">Pronouns<br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">In USA wird immer mehr der (richtige) Gebrauch von Gender Pronouns erwartet und diese Erwartung greift \u00fcber soziale Medien auch in Europa Platz, vor allem im akademischen Feld. <a href=\"https:\/\/www.zrd-saar.de\/de\/ZRDyoung\/Beitraege\/Details\/She-They-He-Him-Gender-Pronouns-in-Social-Media.html\">https:\/\/www.zrd-saar.de\/de\/ZRDyoung\/Beitraege\/Details\/She-They-He-Him-Gender-Pronouns-in-Social-Media.html<\/a> \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Themenstrang Macht<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Die \u00c4u\u00dferung einer Meinung, die von der meinen abweicht, st\u00f6rt mich nicht, wenn sie nicht obligatorisch wird. Wie weit oder wie eng ist die M\u00f6glichkeit, seine Meinung zu sagen? Es entsteht der Eindruck, dass Vielfalt von Meinungen nicht mehr erw\u00fcnscht ist.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Die Angst vor m\u00f6glichem wirtschaftlichen Nachteil (Verlage) oder \u00c4rger (Universit\u00e4tsrektoren \/ Dekane) produziert vorauseilenden Gehorsam.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es scheinen nur Formalit\u00e4ten zu sein. Aber es geht um Machtstrukturen. Wann wird so ein Verhaltenscode zu einer Barriere?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es sind kleine Gruppen, die es schaffen, etwas zu entfernen (Gomringer-Gedicht\u00a0 \u00a0<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/streit-um-gomringer-gedicht-auf-uni-fassade-die-alleen-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/streit-um-gomringer-gedicht-auf-uni-fassade-die-alleen-100.html<\/a> ). Diese Gruppen verschaffen sich damit Erm\u00e4chtigung: \u201eWir haben es geschafft\u201c. Ein Argument der Vertreterinnen: Die Umkehrung des bisherigen Machtgef\u00fcges: \u201eJetzt sind einmal nicht die alten wei\u00dfen M\u00e4nner, sondern jetzt sind wir dran\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Ambivalenz<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Was fehlt, ist ein Umgang mit Ambivalenz. Es ist ja m\u00f6glich, an den meisten Personen und Situationen verschiedene Aspekte zu sehen. Der Umgang mit Graut\u00f6nen ist das Schwierigste.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Jedenfalls ist hier etwas aus dem Ruder gelaufen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Ambivalenz ist auch nur ein Hilfsbegriff. Das hei\u00dft nur, dass man sich nicht entscheiden kann.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Polyvalenz wird eigentlich wenig gebraucht.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Die Avantgarden waren auch stark diktatorisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Umgang mit Sprache<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Der Umgang mit Sprache ist ein \u00f6ffentliches Problem.<br \/>\nEin Kollege formuliert ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Trennung zwischen Sprache und Wirklichkeit. Es ist ihm wichtig, das Gef\u00fchl aufrecht zu erhalten f\u00fcr die Unterscheidung zwischen dem, was auf sprachlicher Ebene passiert und dem, was in Wirklichkeit passiert. Denken wir an den Beginn des Geschlechter-Splittings. Damals waren Frauen zweifellos unterrepr\u00e4sentiert. Damals war die Frage: Wie schaffen wir Awareness f\u00fcr Frauen? Und mit den Jahren ist das ja auch in der wirklich geschehen. Dass Gender kulturell konnotiert ist, hat sich zweifellos durchgesetzt; das Geschlechterverh\u00e4ltnis ist heute viel flexibler als in den 80er-Jahren. Aber ein bedeutender Aspekt, die Seite der gesellschaftlichen\/\u00f6konomischen Realit\u00e4t, ist von dieser Ver\u00e4nderung \u00fcberhaupt nicht ber\u00fchrt worden.<br \/>\nEine gewisse sprachmagische Haltung ist diesen Ver\u00e4nderungsversuchen immer eigen. Es gibt den Glauben, dass \u201eich den Rassismus verbannt habe, wenn ich nicht Neger sage\u201c, stimmt ein anderer Kollege zu.<br \/>\nBei Cancel Culture steht genau dieses Denken im Vordergrund.<br \/>\nWie und wodurch wird welche Ver\u00e4nderung realisiert und wie weit geht man da?<br \/>\nWie gehen wir mit Geschichte um? Wie gehen wir mit historischer Literatur um? Wie viel trauen wir uns zu? \u2013 Da ist etwas in dieser Welt, mit dem wollen wir nichts mehr zu tun haben. Da sind wir aber bei der Zensur.<br \/>\nSprachverbote f\u00fchren schon deshalb nicht weiter, weil Verbote immer beides schaffen: Verhinderung und Trotzdem-Ben\u00fctzung. Ziel f\u00fcr den Umgang mit problematischen Begriffen w\u00e4re es ja, die Diskussion zu f\u00f6rdern, um zu den Wurzeln eines Problems vorzusto\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Triggerwarnungen.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es wird gewarnt vor etwas, was nicht in die eigene Echokammer passt. In England sind Triggerwarnungen gang und gebe. Wenn es in einem Buch um irgendeine problematische Geschichte geht, dann wird eine Triggerwarnung vorangestellt. Damit wird aber der Literaturbegriff in Frage gestellt. Da geht es ja um das Verst\u00e4ndnis von Literatur an sich.<br \/>\nDer Verlag macht das nicht aus Sorge um die Leser, sondern weil er sich als brav positionieren will. Das ist Identit\u00e4tspolitik. Es geht gar nicht mehr um die Freiheit, Mann oder Frau zu sein, sondern wer das ist, wer es genau ist. Wenn es der Richtige ist \/ nur wenn es der Richtige ist, darf er das sagen und darf er sich als das deklarieren, was er will. Es geht im Moment in die Gegenrichtung von Freiheit.<br \/>\nDas ist der Effekt des Moralisierungsgebots und genau diese Heuchelei zieht sich dann durch alle Diskurse.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Kunst:<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Ich frage mich seit einiger Zeit, wie weit der Kunstbegriff, in dem wir alle aufgewachsen sind, noch gilt, z.B. dass man zwischen Text und Autor radikal unterscheiden muss. Inzwischen z\u00e4hlt die Identit\u00e4t des Menschen, der schreibt. Es werden nur noch Identit\u00e4ten gesehen. Die Tugend ist jetzt der Ma\u00dfstab f\u00fcr Kunst.<br \/>\nGut oder schlecht. Vieles versteh ich eigentlich erst mit der Zeit, z.B. dass viele Lehrs\u00e4tze der Moderne nicht mehr gelten. Und dass man, wenn man solche Lehrs\u00e4tze behalten will, aufgefordert ist, die Grundlagen zu \u00fcberdenken.<br \/>\nIn der Realit\u00e4t darf ich heute alles, mein Geschlecht wechseln, meine Kleidung\u2026 Absurderweise darf ich im Theater nun alles M\u00f6gliche nicht mehr. Aber die Kunst ist immer ein offener Raum. Wenn er geschlossen ist, dann ist es keine Kunst mehr.<br \/>\nIm 18. Jhdt. hat man Theaterst\u00fccke so umgeschrieben, dass sie ein Happy End hatten.<br \/>\nDie neue Haltung ist: Kunst muss etwas sein, was mich best\u00e4tigt.<br \/>\nWie steht es mit der Kunst als Wirkmodell?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Der Anschein, die unbekannte Steuerung<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es geht darum, wie jemand gesehen werden will. Es geht ja allen um die Sichtbarkeit. Und zwar um die Sichtbarkeit der Person, nicht des Werks.<br \/>\nWichtig ist jetzt die Frage: Wer darf das \u00fcbersetzen? \u2013 \u00dcber das Gedicht ist nicht gesprochen worden.<br \/>\nDas wirkliche Canceling sind ja nur wenige Einzelf\u00e4lle, die sich bei n\u00e4herer Betrachtung meist in Luft aufl\u00f6sen. Dieses Argument kann ich nachvollziehen. Mich bewegt die Frage \u201eCui bono? Wie kritisiert man etwas, was man wahrnimmt, ohne es konkret nachweisen zu k\u00f6nnen?<br \/>\nWer sagt, dass das nicht geht? Das ist eine kleine Gruppe.<br \/>\nElite-Diskurs \u2013 die Abgeh\u00e4ngten<br \/>\nEs scheint so als w\u00e4re man in diesen Diskursen gefangen und k\u00f6nne sich nur auf die falsche Seite stellen, so oder so. Die einzige Chance, die man habe, um sich richtig zu verhalten, sei es, zur Seite zu treten.<br \/>\nWarum werden von den Eliten nicht die wirklichen Probleme diskutiert?<br \/>\nDie Wissenschaftler diskutieren schon etwas anderes, nur die Medien machen dann den Skandal draus.<br \/>\nIst in der Medienwelt dieses Thema wirklich \u201edie Gschicht\u201c?<br \/>\nMedien vergleichen sich. Es gibt den Multiplikationseffekt und Konformismus. Sie haben ihre Blattlinie.<br \/>\nJa, das war eine Zeit so, in der Vergangenheit.<br \/>\nDas Ph\u00e4nomen, das wir diskutieren, hat f\u00fcr einen gewissen Diskurs eine Bedeutung. Man schafft Tatsachen, Opfer. Abgekoppelte Universit\u00e4ten.<br \/>\nDie Abgehobenheit der Uni ist problematisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Realisierung<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Die M\u00f6glichkeit eines Symposiums wird erwogen, eventuell im IWK nach Muster des zweit\u00e4gigen Workshops \u201eWiener Gruppe \u2013 Wiener Kreis\u201c? Ebenso wird die M\u00f6glichkeit einer Veranstaltung hier in der OGL \u00fcberlegt.<br \/>\nEs w\u00e4re interessant, zu einer Veranstaltung auch Gegenpositionen einzuladen und nicht nur den theoretischen Hintergrund zu betrachten, sondern auch die praktischen Seiten.<br \/>\nFrage: Als reine Kunstdebatte oder weitergefasst? Bei einer Begrenzung auf Literatur kommen die Leute, denen es um die exakte Rechtslage bei den digitalen Medien geht. Das ist wieder eine andere Debatte.<br \/>\nIch will auch die &#8220;Sprache : Wirklichkeits-Debatte&#8221;. Das h\u00e4tte dann eine gr\u00f6\u00dfere gesellschaftspolitische Tragweite. Ich will mich nicht in die Gefahr begeben, gewisse Verkn\u00fcpfungen nicht zu sehen.<br \/>\nHeitere Titel-Vorschl\u00e4ge: Diskursfabrik, Waschtag, Denkwerkstatt, Kopfwaschtag, Kopfw\u00e4sche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Informelle Fortsetzung im Kaffeehaus<\/strong><br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Drei Kollegen setzen das Gespr\u00e4ch noch im Kaffeehaus fort.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">\u201eIch bin gefangen in dieser Verengung. Es wird mir verunm\u00f6glicht, meiner sch\u00f6pferischen Kreativit\u00e4t freien Lauf zu lassen, wenn ich mich nur in bestimmten Grenzen bewegen darf\u201c, sagt eine Kollegin und eine andere stimmt ihr zu: Der Prozess einer Entwicklung kann sich nicht mehr entfalten, weil das Terrain im Vorhinein schon bestimmt ist.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Es wird von einem Gespr\u00e4ch mit einer Psychoanalytikerin erz\u00e4hlt, die feststellt, dass in diesen aktuellen Diskursen die Psychoanalyse, das Unbewusste keinen Platz mehr hat. Was bedeutet das f\u00fcr unsere Gesellschaft? F\u00fcr unser Menschsein? Es ist eine systematische Zurichtung hin zum Status des Maschinenmenschen, findet eine Kollegin.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Es entspinnt sich ein Gespr\u00e4ch \u00fcber K\u00fcnstliche Intelligenz. Dieser Begriff allein sei schon eine L\u00fcge, denn da sei nichts intelligent. KI ist eine reine Rechenleistung. Trauriges Fazit dar\u00fcber, wie viel wir alle diesen Technologiegiganten zuliefern. Es sei skandal\u00f6s, dass KI auch von den Regierungen so stark gehypt wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Zusammenfassung des dritten Treffens <\/strong><strong>am 27. Februar 2023.<\/strong><\/span><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">:<\/span><br \/>\n<\/strong>Manfred M\u00fcller musste sich krankheitshalber entschuldigen und damit ebenso f\u00fcr den Ort des vorgesehenen Treffens, die von ihm geleitete \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur. Auch Thomas Eder war erkrankt. Die \u00fcbrige Gruppe &#8211; Eva Badura, Elisabeth Gro\u00dfegger, Helga K\u00f6cher, Christoph Leitgeb, Hermann Schl\u00f6sser und Gisela Steinlechner &#8211; traf sich im Caf\u00e9 Br\u00e4unerhof zur Fortsetzung der Diskussion.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Die Interessensschwerpunkte der einzelnen am Thema:<\/span><br \/>\n<\/strong>Eine Kollegin schl\u00e4gt vor, jeder solle seine pers\u00f6nliche Forschungsfrage zu der Thematik vorlegen. Dann lie\u00dfe sich leichter kl\u00e4ren, ob die Schnittmenge gro\u00df genug f\u00fcr ein Projekt ist.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Ihr Ansatz: Sprachkritik ist ein weites Feld. Ihr Thema ist die Gefahr, dass Political Correctness missbraucht wird, dass diese an sich wichtige Haltung ausufert zu einer Form von Zensur, ja zu Ans\u00e4tzen, die einer Inquisition nahekommen. Beispiel daf\u00fcr war die mediale Berichterstattung \u00fcber die angeblich \u201eantisemitische documenta\u201c. Unter den Jungen ihrer Familie erlebt sie andererseits, dass Wokeness als Fortschritt gesehen wird. Von linker Seite diese anzupatzen gehe \u00fcberhaupt nicht, sagen sie. Bei einer m\u00f6glichen Diskussion auf einem Podium vermute sie also harte Bandagen, denen sie sich trotz gro\u00dfem Interesse an dem Thema nicht gewachsen f\u00fchle.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Eine andere Kollegin stellt fest: Es ist etwas im Wandel. Es gehe ja nicht darum, es aufzuhalten, sondern zu kl\u00e4ren, was da geschieht. Wo passieren diese Dinge? An den Unis, in den Verlagen. Welche Themen tauchen auf? Wie kann man dar\u00fcber reden? Wie das in die Vermittlung einbringen? Wo ist wirklich der Unterschied zwischen Zensur und Erneuerung? Wo verbiegen wir uns eigentlich? Wo tun oder sagen wir etwas nur, um nicht anzuecken? Wo fehlt das Abw\u00e4gen? Wie steht es mit dem historischen Bewusstsein? Wie weit ist man bereit sich zu verbiegen? Sie bef\u00fcrwortet einen Workshop und ein Symposium.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Einer weiteren Kollegin geht es auch wesentlich darum, den historischen Kontext zu bewahren \u2013 in Literatur, in Theater. Es wird jetzt so getan als ob alles Gegenwart w\u00e4re. Bei Kunst gehe es aber um Imagination, es geht um eine Figur. Alles nur mehr ironisch darzustellen bzw. als postdramatisches Theater, sei eine Einengung. Kulturelle Aneignung d\u00fcrfe es jetzt offenbar nur mehr in einer Richtung geben.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Ein Kollege sieht zwei unterschiedliche Themenstr\u00e4nge: Einerseits Gender: Wie positionieren sich einzelne Gruppen, die solche Themen behandeln, in der \u00d6ffentlichkeit, und wie werden sie \u00f6ffentlich wahrgenommen? Je weiter wir diskutieren, umso mehr bewegen wir uns in einem Zwischenfeld, einem Zwischenbereich von Sprachgeboten, die jede \/ r seinem \/ ihrem Bereich entsprechend pragmatisch betrachtet bzw. erf\u00fcllt. Andererseits das Canceling von \u201enicht Akzeptablem\u201c. Antisemitismus ist hier zweifellos das brennendste Feld. Etwas weniger aufregend, jedoch aufregend genug w\u00e4re es, sich mit dem Canceln von russischen Autoren zu besch\u00e4ftigen. Was hei\u00dft Canceling? Wie gerecht ist es? Der Fall Teichtmeister wird am Rande besprochen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Eine Teilnehmerin sieht in aktuellen Entwicklung eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie. Es gebe keinen demokratischen Diskurs zu Sprachverboten und -geboten. Wokeness wird von einer jungen Generation aus meist k\u00fcnstlerischen Bereichen vehement gefordert. Von der Bev\u00f6lkerungsmehrheit wird sie dagegen als abgehobene Spielwiese einer arroganten Elite empfunden. Das f\u00f6rdert eine Spaltung der Gesellschaft und eine Verst\u00e4rkung des Rechtsrucks. Es widerspreche dem demokratischen Verst\u00e4ndnis und dem gew\u00fcnschten Zusammenhalt, dass der Gebrauch der Sprache in einzelnen Gesellschaftsschichten stark auseinander zu klaffen beginne. Rechte seien nicht teilbar. Die \u201eganz normalen Menschen\u201c, die ja auch Wissenschaft und Museen bezahlen, h\u00e4tten ebenso ein Recht auf ihre Sprache. Und genauso gehe es um die Rechte der Autorinnen und Autoren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Ein Kollege f\u00fcgt an, dass es bei diesen \u00dcberschreibungen nicht nur um Autorenrechte gehe, sondern auch um Textzusammenh\u00e4nge. Wenn z.B. das St\u00fcck \u201eVolksfeind\u201c in \u201eVolksfeindin\u201c umbenannt werde, so ist das ein anderes St\u00fcck. Fr\u00fcher gab es kanonisches Wissen. Das ist vorbei. Er arbeitet an Hand seiner Berufsbiographie die Generationsentwicklung heraus, einen Generationsbruch, der sich vor allem in der Ver\u00e4nderung der Sprache bzw. des Sprachgebrauchs manifestiert. Die Herangehensweise an Themen, an Inhalte hat sich ver\u00e4ndert. Es entstehen Denkformen, die neu sind. Er halte es f\u00fcr richtig, wenn man Symptome anschaut und herausgreift. Antisemitismus wolle er aber sicher nicht anr\u00fchren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Das Thema Sozialismus sei inzwischen erlahmt. Die Versprechen sinnvoller Arbeit und Gleichstellung wurden nicht eingel\u00f6st. Korrupte Seilschaften werden als Ursache gesehen. Es wird auf die Explosion der technischen M\u00f6glichkeiten und die Gefahr der Manipulation durch sie hingewiesen. Was macht das mit uns? Was macht es mit der Gesellschaft? Da sei etwas im Gange. Die junge Generation hat noch viel weniger M\u00f6glichkeit, diese Manipulation zu erkennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Konkrete Vorschl\u00e4ge:<\/span><br \/>\n<\/strong>Ziel seien Diskussionen zu Themen, bei denen nicht sofort die roten Linien gezogen werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Einig ist sich die Gruppe dar\u00fcber, dass es problematisch sei, ohne Bezug auf das Bestehende ganz Neues suchen zu wollen, kompromisslos ganz neu zu beginnen. Das hat sich bei manchen Avantgarden als Gefahr gezeigt und vor allem beim Faschismus.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Aus einem Gespr\u00e4ch hat sich ein gewisses Interesse von Friedrich Stadler, Institut Wiener Kreis, f\u00fcr eine gemeinsame Veranstaltung gezeigt. Eine Kollegin dazu: Der Wiener Kreis mit seinem radikalen Positivismus habe nirgendwohin gef\u00fchrt. Er sei damit in eine Sackgasse geraten. Eine andere Kollegin stellt fest, dass durch solche Diskussionsformate wie die Untersuchung der Unterschiedlichkeit von Wiener Kreis \u2013 Wiener Gruppe im k\u00fcrzlichen Jour Fixe der IKT neue Erkenntnisse erreicht w\u00fcrden, zu denen man sonst nicht gekommen w\u00e4re.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Bernadette Reinhold hat ihr Interesse an der Gespr\u00e4chsgruppe \u201eOffene Sprache\u201c bekundet. Allgemeine Zustimmung, sie zum n\u00e4chsten Termin einzuladen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Auch der Vorschlag, Robert Pfaller anzusprechen, ob \/ wie die Wokeness bei seinen Studierenden ausgepr\u00e4gt ist, wird begr\u00fc\u00dft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Viertes Treffen am 8. Mai 2023.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Die Gruppe traf sich wieder in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur um die Diskussion des Ph\u00e4nomens \u201eCancel Culture\u201c fortzusetzen. Wieder, wie auch schon nach dem ersten und zweiten Treffen waren Artikel aus Zeitungen bzw. Links dazu ausgetauscht worden. Die Erstellung eines Readers wird angedacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Ausstellungen problematisieren nun Kunst, statt sie zu zeigen.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Zu Beginn bezieht sich die Diskussion auf eine Kritik der NZZ zu einer Ausstellung des Metropolitan Museums of Art in NYC, die uns eine Kollegin kopiert hat. Es geht dabei um die Marmorb\u00fcste \u201eLa Negresse\u201c des franz\u00f6sischen Bildhauers Jean-Baptiste Carpeaux aus dem Jahr 1893, die immer als ein Werk gegen die Sklaverei verstanden wurde. Das Museum hatte die Skulptur 2019 gekauft und schon die Ank\u00fcndigung warnte k\u00fcnftige Betrachter vor dem Patriarchat und wei\u00dfen Privilegien. Es entstehe ein Macht-Ungleichgewicht, \u201ewenn ein wei\u00dfer m\u00e4nnlicher K\u00fcnstler den K\u00f6rper einer schwarzen Frau in ein Emblem der Versklavung verwandelt.\u201c Die B\u00fcste sei \u201eeine verst\u00f6rende Fantasie der \u00e4sthetisierten Knechtschaft \u2013 die Verwandlung von menschlichem Gemetzel in ein erotisch aufgeladenes Drama\u201c hei\u00dft es nun.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Aus unseren Reaktionen:<\/strong><\/span><br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Man versteht das Anliegen, aber es bleibt ein Unbehagen. Es gibt kein Gef\u00fchl mehr f\u00fcr das, was Kunst ist. Schick, In-Sein \u00e4u\u00dfert sich in dieser Richtung.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Diese Skulptur ist ja gegen die Sklaverei. Das dreht man jetzt um. Die Zeit \u00e4ndert die Richtung im Diskurs. Man hat ein Kunstwerk, stellt es aus, schreibt aber dazu: Das ist nicht gut. Warum stellt man es dann aus?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Dass man nur gute Kunst in Ausstellungen zeigt, ist ja auch illusorisch.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Eine Kollegin bringt ein weiteres Beispiel aus \u201eArtist meets Archive\u201c (Vom Zeigen und Nicht Zeigen) <a href=\"https:\/\/www.artbooksonline.eu\/art-51537\">https:\/\/www.artbooksonline.eu\/art-51537<\/a>\u00a0 \u00fcber ein kuratorisches Projekt einer ethnografischen Fotosammlung. Eine K\u00fcnstlerin hat dazu eine Ausstellung gemacht mit geschlossenen Boxen. Wissenschaftler haben das gesichtet und Statements dazu verfasst, die aufgenommen wurden. Die k\u00f6nnen abgeh\u00f6rt werden statt des Zeigens der Bilder. Zugleich liest man aber am Gang: \u201eAlle Archive m\u00fcssen \u00f6ffentlich sein\u201c. Zugleich gibt es den Beschluss: \u201eAlle Bilder m\u00fcssen zur\u00fcckgegeben werden\u201c. Das alles steht im Gegensatz miteinander.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Dazu kommt die Frage: Wer hat die Legitimation? Wer gibt den Wissenschaftler:innen die Legitimation, die Bilder anzuschauen, die das \u201ePublikum\u201c nicht anschauen darf? Das ist ja erst recht wieder eine paternalistische Situation der Ungleichheit.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es wird unterstellt, wenn man heute darauf blickt, wiederhole man eine diskriminierende Schau. Aber es ist sinnlos, zu tun als w\u00e4re das nicht gewesen. Es gehe ja darum, kritisches Bewusstsein zu entwickeln. Dieses Bewusstsein muss man entwickeln und ein\u00fcben. Das geht nicht durch Bereinigen.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Wissenschaftskommunikation.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Wie gehen wir mit unseren Wissenschaftstraditionen um? Ein Kollege hat sich einige Zeit aus Interesse mit Kreuzz\u00fcgen befasst. Und sp\u00e4ter hat er eine v\u00f6llige Umkehrung der Geschichte durch einen libanesischen Wissenschaftler gelesen. Wie geht man damit um? Was hat sich im Laufe der Jahrhunderte ge\u00e4ndert? Auch diese \u00c4nderung braucht Worte.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">L\u00f6sung: Beide Positionen zu Kreuzz\u00fcgen zeigen.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Kunst.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Wissenschaft \u2013 ist klar. Aber Kunst \u2013 Kunst hat ja mehrere Qualit\u00e4ten. Jetzt wird eben nur ein Aspekt gesehen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Todestag Picasso. Die Zeit hat sich ge\u00e4ndert.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Kunst wurde uns in der Schule \u00fcber den Inhalt gelehrt. Absolute \u00dcberfrachtung der Kunst mit ganz anderen Inhalten.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">In der Zeit des Nationalsozialismus gab es die Ausstellung \u201eEntartete Kunst\u201c. Nazi-Bonzen sammelten aber selbst diese Kunst.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Wir leben einen besseren Zugang zu Kunst.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Kunstwerke sind auch lesbar.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Kunst vs. Wissenschaft. Bei Kunst geht es ja um etwas anderes, n\u00e4mlich ob und wie es den Betrachter bewegt.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Kunsttheorie und Kunstdiskurse haben sich ver\u00e4ndert. Die k\u00fcnstlerischen Akademien sind Universit\u00e4ten der K\u00fcnste geworden. Dadurch k\u00f6nnen an ihnen auch FWF-Gelder lukriert werden. K\u00fcnstlerische Forschung nimmt einen breiten Platz ein. Das Meisterklassen-Studium ist weitgehend abgeschafft.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Der Widerspruch zwischen k\u00fcnstlerischer Forschung einerseits und der Ausrichtung der Kunst auf den Markt andererseits wird angesprochen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Bei der Recherchekunst kommt das Moralisieren rein.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Eine Kollegin erz\u00e4hlt von einem Pasticcio, in dem sich der Moderator entschuldigt, dass er zuletzt Lewis Carroll zitiert hat, aber ohne dazu zu sagen, dass es auch p\u00e4dophile Neigungen gab.-<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Die K\u00fcnstlergruppe Rimini Protokoll war von soziologischem Antrieb bewegt. Das interessierte ein elit\u00e4res Publikum.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Bildungsb\u00fcrgertum muss man sich auch leisten k\u00f6nnen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Wie kommen wir zum differenzierten Diskurs?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Der Fall Koeppen \u2013 N-Wort. Eine Lehrerin sammelt Unterschriften gegen Wolfgang Koeppens &#8220;Tauben im Gras&#8221; von 1951 \u2013 der Roman sei &#8220;offensiv rassistisch, sexistisch und antisemitisch&#8221; <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000145197470\/rassismuskritik-oder-selbst-rassistisch-protest-gegen-schullektuere\">https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000145197470\/rassismuskritik-oder-selbst-rassistisch-protest-gegen-schullektuere<\/a> . Man will mit Sch\u00fclern nicht mehr diskutieren, sondern vorselektieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Die Grenzen des Sagbaren.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Wie wird die Mitte konstruiert? Braucht es dazu ein Feindbild? Offenbar braucht es dazu ein Feindbild. Das war im Kalten Krieg der Kommunismus. Ist das jetzt Wokeness? Oder mangelnde Wokeness?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Durch die Medien bekommt alles eine ganz andere \u00d6ffentlichkeit. Alles muss erkl\u00e4rt werden. Aber alles auch wieder nicht. Wer erkl\u00e4rt z.B. Ego Shooter-Spiele? Wer erkl\u00e4rt Kitsch?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Immer h\u00e4ufiger ist dieser Paternalismus da: \u201eSo habt Ihr das zu sehen.\u201c \u2026Wie kann man einen kritischen Diskurs ansto\u00dfen ohne zu bevormunden?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Thema Denkm\u00e4ler: Das Lueger-Denkmal. &#8211; Denkm\u00e4ler sind zum Denken da.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Schwierigkeit ist immer die Grenzziehung. Es ist ja gut, dass die belasteten Stra\u00dfennamen weg sind. Wo wird die Grenze gezogen? Hitler ja, Himmler nein?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es geht doch um die Betroffenheit der Beteiligten, die Relevanz in der Zeit.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Nach 1945 ist die Entnazifizierung entschieden worden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Ja, das haben die Alliierten damals gemacht. Und als sie weg waren\u2026\u2026.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Das kennen wird aber schon seit Hatschepsut. Es ist immer die Frage, wer die Deutungsmacht hat. Es geht darum, historisches Bewusstsein wieder hineinzubringen.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Pronouns<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Zum Thema Pronouns gibt es unterschiedliche Ansichten. Eine Kollegin hat ein Wahlplakat zu den \u00d6H-Wahlen gesehen, auf dem f\u00fcr die Verwendung von Pronouns geworben wird. Sie hat der GRAS geschrieben und nach Argumenten daf\u00fcr gefragt, aber keine Antwort erhalten. Es st\u00f6rt sie vor allem daran, dass kritiklos eine Attit\u00fcde aus den USA \u00fcbernommen werde. Das ist dann nicht kulturelle Aneignung? Von Freunden aus den USA h\u00f6rt sie, dort werde sehr kritisiert, dass der Gebrauch von Pronouns etwa auch in Firmen erwartet \/gefordert werde, aber es unklar sei, von wem das ausgehe und wozu.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Eine andere Kollegin fand, dass Pronouns beim unklaren Vornamen eines neuen wissenschaftlichen Mitarbeiters zur Verdeutlichung beigetragen haben.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Eine Literaturwissenschaftlerin und ein Germanist finden es als Sprachspiel und haben daf\u00fcr viel Verst\u00e4ndnis.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Gesellschaftliche Aspekte.<\/span><br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Vorschlag, Sighard Neckel um seine Ansicht als Soziologe zum Thema zu bitten. Er hat zu den Kosten der Klimakatastrophe referiert und dazu, wie wichtig er es sieht, Gemeinsamkeit herzustellen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Es wird einen als Kulturkampf maskierten Verteilungskampf geben. Was in der \u00d6ffentlichkeit spielen wird, wird ein Kulturkampf sein.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Canceling ist ein Symptom. Die Gesellschaft wird sich \u00e4ndern.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00dcber Gendern gibt es in Ungarn riesigen Diskussionen, h\u00f6rt man. Ein anderer Kollege hat die Information, dass Genderstudies in Budapest abgedreht wurden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">F\u00e4lle von Frauendiskriminierung im Arbeitsleben, auch im universit\u00e4ren. Die Ver\u00e4nderung der Sprache hat keineswegs eine Ver\u00e4nderung des \u00f6konomischen Denkens zur Folge gehabt.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Manche jungen Leute sind sehr woke.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Durch \u00d6ffnen der Gespr\u00e4chssituation zwischen woken und wokeness-kritischen Gruppen k\u00f6nnte mehr wechselseitiges Verst\u00e4ndnis erreicht werden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Frage: Was k\u00f6nnen wir tun &#8211; die Intellektuellen? Es gibt mehr differenzierte Positionen als zu Beginn unserer Gespr\u00e4che. Der Verdacht, dass man rechtsgerichtet ist, wenn man Wokeness kritisch sieht, ist noch immer da. Wie tun wir weiter? Wir haben einander nun alles vom Herzen geredet.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Das ist nicht nichts. &#8211; Was ist die Form, die wir da anstreben? Vorschlag: Jeder von uns mit seinem Thema? Denken wir eine Tagung an? Ein Symposium? Wir m\u00fcssten einen Ort finden, der nicht punziert ist, und eine differenzierte Diskussion ansto\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Differenzierte Streitkultur vs. Canceling.<\/strong><\/span><br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Beschluss, Andersdenkende von der Akademie Bildende Kunst kontaktieren f\u00fcr offenes Gespr\u00e4ch. Interesse an einer Gleichstellungsbeauftragten. Auch Daphne Hruby soll angefragt werden, die seinerzeit mit einer Kollegin ein Interview zu diesem Thema gemacht hat..<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>F\u00fcnftes Treffen am 26. Juni 2023.<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Diesmal traf sich die Gruppe aus dem ViennAvant-Netzwerk in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur zu einem weiteren Gespr\u00e4ch zu Wokeness und \u201eCancel Culture\u201c, diesmal erweitert um j\u00fcngere Vertreter:innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Universit\u00e4ten:<br \/>\nDoris Guth, Akademie der Bildenden K\u00fcnste<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Patrick Bau, Institut f\u00fcr Soziologie der Universit\u00e4t Wien<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Nastasja Penzar, Institut f\u00fcr Sprachkunst der Universit\u00e4t f\u00fcr Angewandte Kunst.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Die neu hinzugekommenen Teilnehmer:innen positionierten sich in der Runde mit Argumenten f\u00fcr ein wokes Weltbild. Erstmals haben wir uns also nicht nur mit unseren kritischen \u00dcberlegungen zu dieser Entwicklung besch\u00e4ftigt, sondern haben auch Positionen diskutiert, die zu den unseren kontroversiell sind. Unser Ziel ist ja, bei aller Klarheit des Aufzeigens von Problemen, die sich bei Wokeness auftun, doch zu amikalen und einverst\u00e4ndlichen L\u00f6sungen zu kommen. Nach dieser ersten Begegnung sieht es aber nicht so aus, als ob auch die woke Seite offen und unseren Bedenken gegen\u00fcber aufgeschlossen w\u00e4re. Hier eine Abfolge von Zitaten aus der Diskussion. Im Herbst wollen wir das Gespr\u00e4ch jedenfalls fortsetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Auf den Vorschlag, jede\/r m\u00f6ge seine eigene Forschungsfrage einbringen, empfindet eine der woken Kolleginnen schon die Frage \u201eWer f\u00e4ngt an?\u201c als Szenario einer Dominanz, da der Beginnende \u00fcblicherweise ein Mann sei. Sie selbst empfinde sich als Lehrende privilegiert. Ihr nicht-deutscher Name w\u00fcrde aber bedeuten, stigmatisiert zu sein.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Das ist ja die Frage der Repr\u00e4sentation. Ziel ist, dass man wieder lernt, individuell zu sprechen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Wenn es sich um marginalisierte Gruppen handelt, ist die Bezugnahme total wichtig, weil Menschen jemanden sofort als Repr\u00e4sentant:in einer bestimmten Gruppe wahrnehmen. Beispiel: Sie hatte als pr\u00e4mierte Literatin eine Lesung. Alle Anwesenden hatten deutsche Nachnamen. Alle Pr\u00e4mierten hatten keine deutschen Nachnamen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Ist es Stigmatisierung, wenn ich als Repr\u00e4sentantin einer stigmatisierten Gruppe auftrete?\u2026<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das Argument kenn ich: \u201eDas sagst du ja nur, weil du ein Deutscher bist\u201c, \u201eDas sagst du nur, weil du ein Mann bist.\u201c<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Wir m\u00fcssen das Private vom \u00f6ffentlichen Raum trennen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Die Verlage machen Labeling mit migrantischem Background.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es gibt ja viele Stigmatisierungen. Jemand Wei\u00dfer kann aus vielen anderen Gr\u00fcnden stigmatisiert sein kann.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Da wirkt das Intersektionelle.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Es gibt auch diese H\u00fcrde: \u201eDu bist ein Mann, du verstehst das nicht\u201c.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das ist der Punkt: Dass man sich nicht mehr traut, zu sagen, was man sagen will, eine Meinung zu haben, die nicht konform ist. Die Journalistin Daphne Hruby hat erz\u00e4hlt, dass sie eine Serie \u00fcber Konformit\u00e4t machen wird. Sie hat Interesse, an unserer Gruppe teilzunehmen, nur war ihr der heutige Termin nicht m\u00f6glich.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Wokeness hat autorit\u00e4re Z\u00fcge, Antiwokeness hat sie auch.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Die marginalisierten Gruppen haben ein starkes Bed\u00fcrfnis nachzuholen. Sie hatten so lange keine Chance, zu sprechen.<br \/>\n\u2022\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Eine Kollegin bringt Gegenbeispiele aus den 70erJahren bis 2000, wo im zivilgesellschaftlichen und im \u00f6ffentlichen Raum Vertreter:innen diverser Gruppen sehr frei mitsammen diskutierten.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Die Lehrende sind herausgefordert von den Jungen. Auch an der Akademie gibt es Rassismus. Privilegierte Gruppen sind in der \u00dcberzahl. Das Institut diskreditiert Transpersonen. Es passiert immer wieder, dass eine Transperson als Mann angesprochen wird. Es ist eine enorme Herausforderung, mit allen wertsch\u00e4tzend umzugehen. Es ist wichtig, den Fokus auf gesellschaftsver\u00e4ndernde Prozesse zu legen. Wo kann ich sonst lernen, meiner Privilegien bewusst zu werden?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Wir sprechen ja von Missbr\u00e4uchlichem. Beispiel einer schwarzen K\u00fcnstlerin, die daf\u00fcr pl\u00e4dierte, dass ein Bild, mit dem eine wei\u00dfe K\u00fcnstlerin einen schweren rassistischen \u00dcbergriff thematisiert hatte, abgeh\u00e4ngt und zerst\u00f6rt werden m\u00fcsse. Das sei dann zwar nicht passiert, die schwarze K\u00fcnstlerin hatte aber mit dieser Intervention einen riesigen finanziellen Erfolg.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Transpersonen werden beschimpft<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a070er-Jahre waren viel offener. Die Leichtigkeit und Unbek\u00fcmmertheit dieser Jahre des Aufbruchs wird in der woken Szene vermisst.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Theater. Othello soll nur von einem Schwarzen gespielt werden. Eine junge Schauspielerin hat es als Zumutung empfunden, Medea spielen zu sollen, wo sie doch nicht Griechin ist. In einer Art Selbstzensur fand sie es \u201eunpassend\u201c diese Rolle zugeteilt zu bekommen.\u00a0 Wenn sich diese eingeschr\u00e4nkte Sicht durchsetzt, wird Theater ad absurdum gef\u00fchrt: Schauspielen ist per se das Darstellen fremder, im eigenen Ich nicht manifester Zugeh\u00f6rigkeiten, Eigenschaften, Verhaltensmuster auf der B\u00fchne : Ich bin nicht ich, sondern ein\/e andere\/r.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Es gibt ja die Theorie, dass in jedem Menschen alles (subkutan) angelegt ist und sich herausbilden kann, oder eben nicht (abh\u00e4ngig von Erziehung, Charakter, sozialer Umgebung &#8230;)\u00a0 Es gibt Interviews mit Schauspielern, die sagen, dass sie bei der Rollengestaltung oft in sich Verborgenes entdecken, herausholen k\u00f6nnen. In Bezug auf Schauspiel und Theater zeigt diese Diskussion die v\u00f6llige Unkenntnis des Gegenstandes. Ich vermute das ist auch der Grund, warum man von dieser Seite (Theaterschaffende) recht wenig \/ bis nichts zur Debatte h\u00f6rt. Theater ist ja genuin die Gestaltung von Rollen, also einer anderen Identit\u00e4t.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 \u201eGenuin\u201c finde ich problematisch. Man darf auch im Theater nicht alles sagen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Zumal das deutsche Theater eine sehr rassistische Geschichte hat.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Rollenspiel ist per se etwas, was man nicht ist.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es gibt aber auch eine Reihe von Rollen, die nicht von denen gespielt werden, die daf\u00fcr da sind. \u2022\u00a0Strukturell gibt es eine Menge von Rollen<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das ist das Problem der Identit\u00e4t.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Auswirkungen der Leistungsgesellschaft. Die Gerechtigkeit kann nicht mit der Sprache als isoliertem Tool hergestellt werden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das Argument Leistungsgesellschaft wird immer gegen Frauen in Leitungspositionen verwendet.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Wie hoch ist der weibliche Prozentsatz an Leitungspositionen an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste? &#8211; Jetzt 53%&#8230;.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0In der linken Bubble des Kollegen wird Canceln sehr inflation\u00e4r verwendet. Z.B. Dieses Lokal, dieses und jenes muss man canceln, weil das und das passiert ist. Es wird wenig auf die Menschen zugegangen. \u201eWir geben nicht bei, wir canceln.\u201c Das passiert auch bei Kleinigkeiten.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Offenheit f\u00fchrt zu Offenheit.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Offenheit ist ja das Gegenteil von Canceln.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es ging um das Alter meiner Texte. Bei anderen ging es um Betroffenheit.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Innerhalb der eigenen Bubble zeigt man mehr Verst\u00e4ndnis. Aber nach au\u00dfen hin ist man unnachsichtig.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Die Studierenden kritisieren sehr stark. Ich \u00fcbe auch Kritik, aber mit sehr viel Achtsamkeit und Wertsch\u00e4tzung.\u00a0 Ein psychoanalytischer Vortrag w\u00e4re gut. Was tut das mit mir? Auf welcher Ebene agiere ich, damit ich nicht einen Sekund\u00e4rgewinn von meiner Kritik habe?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Eine der neuen Kolleginnen hat das Buch <span style=\"text-decoration: line-through;\">CANCELN<\/span> mitgebracht und zeigt es. Die urspr\u00fcngliche Gruppe kennt es jedoch, weil systematisch Literatur und Literaturhinweise gesammelt werden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\"><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u2022\u00a0Canceln <\/span>durchgestrichen ist ein neues graphisches Element.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es bleibt in der Diskussion, es verschwindet nicht.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Man macht gern einen Skandal, wenn die Kritiken schlecht waren.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es ist ein Machtmittel<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das \u00dcberzogene bringt erst die Abwehr.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Dabei entsteht Profit.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Die Gesellschaft wird nun auf Opfer von Dominanz fokussiert.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Anliegen, dass eine wei\u00dfe K\u00fcnstlerin ein schwarzes Anliegen zeigt.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es war immer mein Anspruch, die die Kunst im Prinzip frei ist. Das habe ich verteidigt. Und es f\u00e4llt mir schwer, es jetzt nicht mehr zu verteidigen (Foucault). Da stehen grunds\u00e4tzliche Konzeptionen gegeneinander und man soll nicht so tun, als w\u00e4re es nicht so.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Wenn ein Student einen weiblichen Akt malt, frag ich ihn: Was malst Du da? Museen \u2013 erotische Bilder der Hl. Magdalena\u2026\u2026<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0So mein ich\u2018s nicht. Aber mir wird es unheimlich, wenn ich bei allem fragen m\u00fcsste, ob das oder jenes jetzt erlaubt ist.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Kontextualisierung in der Kunstgeschichte, nat\u00fcrlich. Aber die Kunst kommt ja aus der K\u00fcnstlerin \/ dem K\u00fcnstler, deren Vorstellungen, Tr\u00e4umen, W\u00fcnschen, Projektionen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Man kann nicht davon ausgehen, dass Kunst aus ihm kommt. \u00dcberholter Begriff des K\u00fcnstlergenies.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Was ist Kunst?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass Kunst jemals frei war. Zu keiner Zeit. Aber die Kampfbegriffe der Wokeness gehen mir irrsinnig auf die Nerven. Ist woke nicht ein Begriff, der schon abgetan ist?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0In K\u00f6ln haben sich Studenten als woke bezeichnet und wollten deshalb einen Text nicht lesen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Woke wird als Kampfbegriff aufgebauscht. Einerseits erlangen Gruppen Sichtbarkeit, die lange nicht m\u00f6glich war. Dagegen ist die Verlagswelt wahnsinnig konservativ. Hier sind Entscheidungsstrukturen und Begriffe nicht sichtbar \u2013 z.B. im Hanser-Verlag\u2026.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Im ORF wurde abgestimmt, mit welcher Methode jetzt gegendert wird.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es ist ein problematisches Thema.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Ich sehe es nicht so, dass die \u00fcberbordende Wokeness erst Gegenwind erzeugt.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Prozesse brauchen Zeit.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Die Studierenden treiben uns an. Kunstunis sind die Speerspitze.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0An meiner Uni muss man meist gendern. An anderen Unis gendert niemand. Z.B. in der Nawi. Studierende, die dort gendern, m\u00fcssen sich daf\u00fcr rechtfertigen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0In Jus gendert auch niemand<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das zeigt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sehr divers ist.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Canceln geht oft von Gruppen aus.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Machtverh\u00e4ltnisse haben sich umgedreht<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Woke ist: \u201eJawohl, wir haben die Macht und die n\u00fctzen wir auch aus\u201c.\u00a0 Auch wenn Adrian Daub sagt: Erstens gibt es kein Canceln und zweitens ist es eh gut.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Macht hei\u00dft ja auch Verantwortung \u00fcbernehmen. Nimmt diese Generation jetzt Verantwortung?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es ist kein Generationskonflikt<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das wichtigste Thema der Communities ist nun Trans<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Aber ich muss mich ja nicht um alle Interessen aller Communities k\u00fcmmern.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Nochmal wird die Frage \u00d6ffentlich vs. Privat aufgeworfen. Was bedeutet noch privat, wenn jeder sexuelle Aspekt von jedem Individuum \u00f6ffentlich sein soll?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Privates gibt es nicht mehr.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Das Private ist politisch.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es ist auch politisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>Sechstes Treffen am 23. Oktober 2023.<br \/>\n<\/strong><\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">Am 23. Oktober 2023, 15:30 Uhr trafen sich sechs aus der Gruppe des ViennAvant-Netzwerks, die vor einem Jahr Gespr\u00e4che zu Wokeness und \u201eCancel Culture\u201c begonnen hatte, &#8211; Eva Badura, Elisabeth Gro\u00dfegger, Christoph Leitgeb, Manfred M\u00fcller, Gisela Steinlechner und Helga K\u00f6cher &#8211; wieder zu einer Fortsetzung, die jedoch die letzte Runde werden sollte. \u00dcberraschend f\u00fcr Helga K\u00f6cher, die auf Anregung von Gisela Steinlechner diese Gespr\u00e4chsreihe in die Wege geleitet hatte. Manfred M\u00fcller hatte sie in der von ihm geleiteten OGL gehostet und hatte auch an den Gespr\u00e4chen regelm\u00e4\u00dfig teilgenommen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 11pt;\">Stichworte<\/span><br \/>\n<\/strong><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es ist ein hei\u00dfes Thema, ist noch hei\u00dfer geworden als zu Beginn unserer Gespr\u00e4che. Die Jugend ist woke, beobachte ich. Viel wird hinter vorgehaltener Hand besprochen. Ich hab einen exzellenten Artikel von Nida-R\u00fcmelin gelesen. Ein Symposium aber auf diesem Level sehe ich nicht.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Es fehlt nicht an nuancierten Positionen. Das Thema ist am Tisch. Bei den Jungen geht\u2019s um verschiedene Richtungen. Es ging aber um Praxis\u2026. Bei mir hat sich auch einiges ge\u00e4ndert. Auch hier. Ich habe andere Positionen kennen gelernt. Die Frage bleibt f\u00fcr mich: Wie kann sich was ergeben, was nicht im Sinne von Zensur funktioniert?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Um gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeit zu erreichen m\u00fcssten bedeutende Sprecher eingeladen werden. Daf\u00fcr ist die OGL aber zu klein. Und Leute wie Nida-R\u00fcmelin k\u00e4men auch nicht gratis. Die Geschichte ist f\u00fcr mich dann spannend, wenn sie \u00fcber Einzelmeinungen hinausgeht, wenn es um die Sprache geht. Warum haben wir diese Sprache nicht????? \u2013 Die Medien nehmen aus einem Interview eine Schlagzeile als Aufmacher heraus, die ihnen gerade passt, die sie hochmachen wollen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Ich sehe es auch als Prozess.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Viel liegt an der medialen Situation. Die Politik hat den Drang, mehrheitsf\u00e4hig zu sein.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Diejenigen, die eine andere Meinung haben, wollen nicht diskutieren.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Ich denke, wir sollten hier einen Punkt machen und das Thema allenfalls wieder aufnehmen, wenn es einen konkreten Fall gibt.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Ich m\u00f6chte nicht, dass wir die Gespr\u00e4che aufgeben. Aus meiner Sicht ist diese Runde sehr wichtig. Dieses Projekt k\u00f6nnte ein Modell sein, zu versuchen gegens\u00e4tzliche Meinungen zusammenzubringen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Ich sehe mich als Berta von Suttner. Ich w\u00fcrde furchtbar gern \u00fcber die Ringstra\u00dfe gehen mit einem Transparent \u201eDie Waffen nieder\u201c.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0L\u00e4ngere Diskussion zu Politik \u2013 Russland-Ukraine, Israel-Pal\u00e4stina\u2026 Rolle der Diplomatie\u2026<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Was wir tun k\u00f6nnen ist, zu unterst\u00fctzen, wo wir k\u00f6nnen.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Problem, dass die Europ\u00e4er keine eigene Haltung haben. \u2013 Diskussion zu Van der Leyen \u2013 Symbolpolitik.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Es gibt die offizielle Ebene \u2013 und unterhalb dieser versucht die zweite Ebene, das wieder zu richten.\u00a0 Ich beziehe mich auf einen Vortrag von Zizek. Da kommt schon was an. Wenn es sichtbar macht, wo wir jetzt stehen, dass wir mit anderen Meinungen nicht mehr umgehen k\u00f6nnen, dann ergibt sich wie von selbst eine andere Haltung.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Der gro\u00dfe Unterschied ist, dass es nicht mehr um die Sache geht.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Die Jungen verstehen ihre Position schon politisch.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Eine Kollegin erz\u00e4hlt vom Projekt Matilda. Deren Position ist: Otto Muehl muss ausgel\u00f6scht werden als K\u00fcnstler. Nur \u00fcber seine Verbrechen darf gesprochen werden.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Man sieht, da kommt man nicht mehr weiter.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022\u00a0Ich sehe Mind Expanding als Ergebnis.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Ich sehe diesen Punkt, an dem wir mit unseren Gespr\u00e4chen nun stehen, als sehr wichtig. Wenn wir sie jetzt abbrechen, empfinde ich es als Scheitern unserer Bem\u00fchungen, als sinnlos.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u2022 Nein, unsere Gespr\u00e4chsreihe sehe ich nicht als sinnlos. &#8212;- Aber selbst wenn wir einen kleinen Workshop auf die Beine stellen: Was w\u00e4re damit gewonnen? Ein paar w\u00fcrden sich best\u00e4tigt f\u00fchlen, andere w\u00fcrden sagen: \u201eWas ist mit Euch los?\u201c\u00a0 Wie die Lage ist, ist das nicht auf einer Gespr\u00e4chsebene zu l\u00f6sen, sondern muss sich abschleifen. Es ist ja viel am Tisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\"><strong>Hermann Schl\u00f6sser<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\"><strong>Wissensbeflissen<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\"><strong>F\u00fcnf Glossen zum Thema \u201eOffene Sprache\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">1.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Kein Mensch hat sich jemals seine Lebenszeit ausgesucht. \u00dcber diese Wahrheit wurde in der existenzialistischen Philosophie meiner Jugendjahre bedeutungsschwanger nachgedacht: <em>Geworfensein, Unbehaustheit<\/em> und so weiter \u2013 Begriffe, die heute wie ein fernes Echo aus dem Religions- und Ethikunterricht der 60er Jahre her\u00fcbert\u00f6nen. Aber wird das Pathos von einst den Aktivisten und Aktivistinnen von heute mehr entlocken als ein ver\u00e4chtliches St\u00f6hnen? \u201eWarum k\u00f6nnt Ihr Alten nicht einfach f\u00fcr Klimagerechtigkeit, Postkolonialismus und Diversity k\u00e4mpfen und fertig? Es ist f\u00fcnf vor zw\u00f6lf und Ihr leistet Euch noch den Luxus einer individuellen Existenz, die den Erinnerungen an fr\u00fcher mehr gehorcht als den Notwendigkeiten der Gegenwart! Die Welt steht in Flammen und was macht Ihr? Ihr sitzt in Euren Wohnzimmern und lest und schreibt!\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">\u201eAber dort sa\u00dfen Musil, Joyce und Kafka auch, w\u00e4hrend die Welt in Flammen stand\u201c.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">\u201eOh Mann, das ist echt frustrierend. Die Zeit stellt Riesenaufgaben, und die Kulturintellektuellen sind damit besch\u00e4ftigt, Vorbildern nachzuleben, die vor hundert Jahren aktuell waren. Merkt Ihr denn gar nicht, dass wir 2024 leben und dass Eure Uhren nachgehen?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Auf diese Kritik sagt man dann, nach einigem Nachdenken: \u201eDoch, das merke ich schon. Aber ich habe mir die Zeit, in der ich lebe, nicht ausgedacht, pardon, ich wollte sagen: ausgesucht. Ich verstehe sie so wenig wie sie mich. Das macht mich \u00fcbrigens nicht zum Einzel- oder Sonderfall. Ich glaube, dass es vielen \u00e4lteren Menschen so geht wie mir. Aber ja, ich werde mich bem\u00fchen, etwas mehr \u00fcber das 21. Jahrhundert in Erfahrung zu bringen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">2.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Am 28. November 2022 traf zum ersten Mal eine Gespr\u00e4chsrunde zusammen, die das Thema \u201eOffene Sprache\u201c er\u00f6rtern wollte. Die Anwesenden dachten damals an ein Symposium, das die fragw\u00fcrdigen Entwicklungen der derzeitigen Debattenkultur kritisch untersuchen sollte. Die Sinnhaftigkeit der \u201epolitical correctness\u201c wurde dabei nicht grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt, wohl aber deren Zuspitzungen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Diskussionsverweigerung<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Sprachregelungen<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Aktionen gegen Personen, die als \u201eumstritten\u201c eingestuft werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Verengung der Themenbereiche, die als akzeptabel gelten.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Verdeckte Konkurrenzk\u00e4mpfe unter dem Vorwand der \u201ewokeness\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Im Lauf der n\u00e4chsten Sitzungen wurde dieses Konzept allerdings immer unklarer, weil fast hinter jeder dieser Diagnosen Fragezeichen auftauchten. Gibt es die <em>Cancel Culture<\/em> \u00fcberhaupt? Oder ist sie nur ein Konstrukt der Gegner all der tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen, die sich zurzeit ereignen? Ertr\u00e4gt die bedrohte Mehrheitsgesellschaft einfach nicht, wenn ihre Werte radikal in Frage gestellt werden und empfindet sie jede Kritik als Zensur? Das behauptet Adrian Daub in seinem Buch \u201eCancel Culture Transfer\u201c. Hat er recht? Oder besteht nicht doch eine merkliche Verengung dessen, was in einer \u00f6ffentlichen Debatte sagbar ist und was nicht? Was hat es zu bedeuten, dass ein so renommierter Publizist wie Ian Buruma seine Stelle als Chefredakteur der \u201eNew York Review of Books\u201c verlieren kann, weil in seiner Zeitschrift der Erfahrungsbericht eines wegen sexualisierter Gewalt angeklagten Mannes erschienen ist, der \u201evon einem ordentlichen Strafgericht entlastet worden war, nicht aber vom Gerichtshof der \u00f6ffentlichen Moral\u201c? (vgl. Ren\u00e9 Pfister: \u201eEin falsches Wort\u201c, S.27). Wie viele dieser Geschichten haben sich tats\u00e4chlich ereignet, wie viele sind medial aufgebauscht, wie viele sind wom\u00f6glich tendenzi\u00f6s erfunden? Und allgemeiner gefragt: Wie kann man \u00fcberhaupt herausfinden, was ein Faktum und was ein medialer Hype ist?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Am 26. Juni 2023 kam es bei einem dieser regelm\u00e4\u00dfigen Treffen zu einer Begegnung mit drei Menschen, von denen zwei als Frauen, einer als Mann \u201egelesen wurden\u201c (wie sie selbst am Anfang des Gespr\u00e4chs ausdr\u00fcckten, als ob sie B\u00fccher w\u00e4ren oder sein wollten). Besonders markant trat eine Autorin auf, die in sanftem Ton, aber nachdr\u00fccklich selbstgewiss berichtete, sie habe Kurzprosa und einen Roman ver\u00f6ffentlicht und sei zugleich als senior lecturer an der Wiener Universit\u00e4t f\u00fcr Angewandte Kunst t\u00e4tig. Andererseits betonte die Rednerin, als Frau mit Migrationshintergrund sei sie in \u00d6sterreich \u201estrukturell diskriminiert\u201c \u2013 und zwar unabh\u00e4ngig davon, was sie beruflich erreiche und auch unabh\u00e4ngig davon, ob die gerade Anwesenden sie respektieren oder nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Einer der Anwesenden war ich. Und ich hatte das Gef\u00fchl, die offenbar erfolgreiche junge Autorin nutze den Hinweis auf ihr Diskriminiertsein auch als karrieref\u00f6rderndes <em>Asset<\/em>. Damit st\u00fcnde sie nicht allein, denn im aktuellen Kultur- und Wissenschaftsbetrieb scheint es auf irgendeine schwer zu fassende Weise von Nutzen zu sein, sich als Opfer einer Benachteiligung zu pr\u00e4sentieren. Vom Sport abgesehen, zeigen sich Erfolgreiche nicht mehr gern als die Sieger oder Siegerinnen, die sie im Vergleich zu den weniger Bevorzugten doch sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Nun h\u00e4tte ich diese Bedenklichkeit ja mit der Autorin besprechen k\u00f6nnen. Das aber wagte ich nicht, aus Furcht, als Rassist und Sexist \u201egelesen\u201c zu werden, der ich nicht sein m\u00f6chte \u2013 aber vielleicht doch w\u00e4re, wenn ich die Sprecherposition einer jungen Frau mit migrantischen Wurzeln kritisch hinterfragte? Wie sie auf meine Einw\u00e4nde reagiert h\u00e4tte, kann ich nicht wissen, denn ich habe ihr meine Frage ja nicht gestellt. Vielleicht w\u00e4re das Gespr\u00e4ch ganz anders gelaufen, als ich unterstellte. Aber der Versuch unterblieb, was zun\u00e4chst einmal nur beweist, dass die erw\u00fcnschte \u201eoffene Sprache\u201c im Rahmen dieser Begegnung nicht gesprochen wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Aus dieser Begegnung nahm ich als Fazit lediglich mit, dass \u201edie Betroffenen\u201c (also die Opfer der strukturellen Diskriminierung) in jeden Fall geh\u00f6rt werden m\u00fcssen, dass sie ein Mitspracherecht haben bei allen Themen, die sie betreffen. Welche das sind, bestimmen sie selbst, und nicht die Mehrheitsgesellschaft. So weit, so klar. Aber hinter dieser Klarheit verbergen sich Probleme und Bedenken. Einige davon m\u00f6chte ich hier ansprechen, ohne zu ihrer L\u00f6sung allzu viel beitragen zu k\u00f6nnen oder zu wollen. Denn warum sollte gerade ich eine L\u00f6sungskompetenz in diesen Fragen haben?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">3.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Da haben wir jahrzehntelang von Michel Foucault und seinen Epigonen gelernt, die Frage \u201ewer spricht?\u201c verliere sich im Rauschen des Diskurses, und der Begriff des Autors, wenn nicht gar des Menschen, zerrinne wie eine Fu\u00dfspur auf meerumsp\u00fcltem Strand. Jetzt fl\u00fcstert uns ein anderer Zeitgeist zu, dass es gar nicht so sehr darauf ankomme, <em>was<\/em> gesagt oder geschrieben werde, sondern dass vor allem die Sprecherposition gekl\u00e4rt werden m\u00fcsse: <em>Identity matters<\/em>, wir m\u00fcssen wissen, wer spricht, bevor wir glauben k\u00f6nnen, was gesagt wird. Seitdem h\u00f6rt man st\u00e4ndig S\u00e4tze, mit denen Kulturschaffende sich und ihre Arbeit selbst in einem diskursiven Kontext verorten. Sie beginnen oft mit derselben Floskel:<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-size: 11pt;\">Es war mir wichtig, die Umgebung des Autors zu zeigen, sein Netzwerk.<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"font-size: 11pt;\">Es war mir wichtig, die Frauen als starke, selbsterm\u00e4chtigte Personen darzustellen.<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"font-size: 11pt;\">Mir war wichtig, dass meine Arbeit als Beitrag zur \u00c4nderung patriarchalischer Machtverh\u00e4ltnisse verstanden wird.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\"><em>Mir war wichtig, den unbewussten Kolonialismus westlicher Narrative zu analysieren<\/em>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Ein zweites Element der Selbstdarstellung besteht in der Formel <em>Ich als<\/em> . . ..\u00a0 Mit ihrer Hilfe kann entweder die wissenschaftliche Qualifikation annonciert werden <em>Ich als Genderlinguistin, Ich als Kognitionspsychologe<\/em>, oder die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe: <em>Ich als Migrant:in der dritten Generation, Ich als Kind einer T\u00e4terfamilie<\/em>, oder kokett: <em>Ich als wei\u00dfer alter Mann.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Diese Positionierungen dienen in unserem hoch kompetitiven Kultur- und Wissenschaftsbetrieb immer auch der Selbstvermarktung, tragen jedoch zugleich zur Kl\u00e4rung der eigenen Position bei: Meine Aussagen erheben nicht den Anspruch, objektiv wahr zu sein. Sie reflektieren meine Sicht, die allerdings auch nicht rein subjektiv ist, da ich nicht als Individuum geh\u00f6rt werden will, sondern als Repr\u00e4sentant:in einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe, deren Werte und Ziele ich teile und mitteile.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Gewiss sch\u00fctzt eine solche Offenlegung von Interessen und Loyalit\u00e4ten vor Missverst\u00e4ndnissen: Es besteht kein Zweifel daran, dass Rednerinnen und Redner, die sich so vorstellen, dieser oder jener Gruppierung angeh\u00f6ren. Das tendenzielle Langweilige dabei ist nur, dass man damit meistens auch schon wei\u00df, was sie jeweils sagen werden. In den einflussreichen TV-Talkshows zum Beispiel erlebt man viel zu oft einen Austausch festgezurrter Haltungen, und die Frage, wer recht hat, verwandelt sich unversehens in eine Machtfrage: Recht hat, wer seine Sicht am hartn\u00e4ckigsten gegen die Einw\u00e4nde anderer abdichten kann. Gespr\u00e4chsrunden dieser Art gleichen also einem Schlagabtausch, wie er aus Parlamentsdebatten oder Tarifverhandlungen bekannt ist, und sie sind weit entfernt von einer \u201eoffenen\u201c Diskussion, in der es etwa m\u00f6glich w\u00e4re, Anregungen aufzugreifen, probehalber mit dem Kopf des anderen zu denken, um so den eigenen Standpunkt zu \u00fcberpr\u00fcfen oder gegebenenfalls zu revidieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">4.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Im Bereich der Sexualit\u00e4t und der Geschlechtlichkeit sind zurzeit erhebliche Ver\u00e4nderungen im Gange, die tief in tabubewehrte und schambesetzte Zonen eingreifen. Es w\u00e4re also eher verwunderlich, wenn die \u201eoffene Sprache\u201c, die auch sonst nicht sehr entwickelt ist, gerade angesichts dieses Komplexes m\u00fchelos m\u00f6glich w\u00e4re.\u00a0 Bei denen, die an tradierten M\u00e4nner- und Frauenbildern festhalten, h\u00f6rt man entweder trotzige Witzchen wie \u201eIch sag immer: Frauen geh\u00f6ren zum Gyn\u00e4kologen, M\u00e4nner zum Urologen, und alle andern zum Psychiater\u201c, oder aber verdruckste Gest\u00e4ndnisse: \u201eSorry, aber ich erwische mich gelegentlich bei dem Gedanken, dass bestimmte Wesen auch deshalb als Frauen oder M\u00e4nner \u201agelesen\u2018 werden, weil sie es <em>sind<\/em>.\u201c Eine Sprache, die <em>jede<\/em> Ausdrucksform der Sexualit\u00e4t verstehen und akzeptieren k\u00f6nnte, m\u00fcsste \u00fcber derartige Verlegenheitsl\u00f6sungen hinauskommen. Aber wie?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Wenn man unter \u201eoffener Sprache\u201c vor allem r\u00fccksichtslose Ehrlichkeit versteht, dann war der homosexuelle Mann sehr offen, der in einer Ausgabe des TV-Magazins \u201eKulturzeit\u201c einmal erkl\u00e4rte: \u201eWenn ich zwei Heteros schmusen sehe, muss ich kotzen.\u201c Ein solcher Satz w\u00e4re noch vor wenigen Jahrzehnten im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen unsagbar gewesen. Dass er heute m\u00f6glich ist, kann als Fortschritt gelten: Gruppierungen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft durch eine eigene sexuelle Orientierung unterscheiden, erkl\u00e4ren unverbl\u00fcmt und provokant ihre Sicht- und Lebensweisen. Die Verlautbarung des jungen Mannes ist also als emanzipatorischer Akt der Freiheit einzuordnen, und tolerante Heteros tun gut daran, ihn nicht allzu pers\u00f6nlich zu nehmen. Zumindest in der <em>woken<\/em> Interpretation des Geschehens steht unbezweifelbar fest, dass all jene Minderheiten, die unter dem Passwort \u201equeer\u201c den tradierten Mann-Frau-Dualismus \u00fcberwinden wollen, die Benimm- und Verhaltensregeln der Majorit\u00e4t aggressiv zur\u00fcckweisen d\u00fcrfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Versteht man unter \u201eoffener Sprache\u201c allerdings auch die Bereitschaft, problematische und kontroverse Themen zu durchdenken, dann darf hier eine kritische Nachfrage folgen: Was den Vertretern von Minderheiten in einem progressiven Kulturmagazin recht ist, m\u00fcsste der Mehrheit billig sein. Sonst entsteht der giftige Verdacht, wer dem Zeitgeist nicht vorbehaltlos zustimme, w\u00fcrde <em>gecancelt<\/em>. Stellen wir uns also vor, der besagte schwule Mann w\u00e4re mit einem \u201eheteronormativen\u201c Mann konfrontiert worden, der ihm entgegnet h\u00e4tte: \u201eUnd ich muss kotzen, wenn ich zwei Schwule schmusen sehe\u201c. Die eine Aussage w\u00e4re so emotional wie die andere, und wahrscheinlich w\u00fcrden sich die beiden danach in wechselseitiger Abneigung voneinander verabschieden. Aber wer wei\u00df? Vielleicht k\u00f6nnte durch eine solch scharfe, aber ehrliche Konfrontation auch ein Gespr\u00e4ch dar\u00fcber entstehen, dass \u201esexuelle Orientierungen\u201c nicht blo\u00df wissenschaftliche Konzepte sind, die sich in gelassener Sachlichkeit er\u00f6rtern lassen, sondern dass sie mit (unter Umst\u00e4nden sehr heftigen) Gef\u00fchlen des Ekels, der Scham und der Be\u00e4ngstigung einhergehen. Um diese Einsicht verst\u00e4ndlich zu artikulieren, bed\u00fcrfte es allerdings einer Sprache, die \u00fcber das blo\u00dfe <em>Kotzen<\/em> hinausk\u00e4me.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">5.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-size: 11pt;\">Keine Kleider, keine Falten<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"font-size: 11pt;\">Unergr\u00fcndliches Gesicht<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"font-size: 11pt;\">T\u00e4towierte Kunstgestalten<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"font-size: 11pt;\">Buntes helles Neonlicht<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 11pt;\">Naja, das trifft auch nicht ins Schwarze.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">In welches Schwarze denn?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Man sagt halt so.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Ja ja, es ist zurzeit wieder ordentlich wichtig, was \u201eman\u201c sagt. Wie es scheint, ertr\u00e4gt die \u00d6ffentlichkeit keine Spielereien mehr, sie will Bekenntnisse: Wo stehst Du? Was denkst Du? Was tust Du? Dieser Positionierungsdruck wird nicht nur von der \u201ewoken\u201c, progressiven Seite ausge\u00fcbt, sondern erst recht von konservativen oder gar reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften. Nirgendwo besteht Bedarf an impertinenten Gedanken, alles soll angepasst und genehm zugehen, wenn auch die Ma\u00dfst\u00e4be dessen, was als genehm gilt, betr\u00e4chtlich variieren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt;\">Aber w\u00e4re es nicht eine bewusstseinserweiternde literarische Nebenbesch\u00e4ftigung, gelegentlich so zu schreiben, wie \u201eman\u201c gerade <em>nicht<\/em> sagt? Wenn die einen das Wort \u201eStudierende\u201c verlangen, und die anderen auf \u201eStudent\u201c beharren, k\u00f6nnte man ja unter dem Motto <em>Tertium datur<\/em> auch <em>Wissensbeflissene<\/em> schreiben. Diese Suche nach ungewohnten Bezeichnungen war das Projekt der Avantgarden des 20. Jahrhunderts: offene Sprache, offenes Kunstwerk. Dem k\u00f6nnte man allen politischen Krisen und Bedrohungen zum Trotz die Treue halten, zumindest im relativ autonomen Bereich der Kunst und der Literatur, wo nichts so dringlich ernst genommen werden muss wie in der Politik, der Jurisprudenz oder der \u00d6konomie. Um diesen Weg zu finden, k\u00f6nnte es sich empfehlen, die viel beschworene \u201eSprecherposition\u201c gelegentlich zu ironisieren und sich mit den Worten vorzustellen: <em>Ich als Bierdeckelsammlerin finde das alles gar nicht so wichtig,<\/em> oder <em>ich als Hobbykoch rede nur \u00fcber Gew\u00fcrze<\/em> oder gar: <em>Ich als ich beobachte, was es alles gibt und mache mir meine Gedanken dazu. Und wie wichtig das ist, was mir dabei ein- und auff\u00e4llt, das d\u00fcrfen die anderen entscheiden.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie hatte l\u00e4ngere Zeit gr\u00f6\u00dfere Zusammenk\u00fcnfte weitgehend verunm\u00f6glicht. Danach sind wir \u00fcbereingekommen, uns mehr mit der Gegenwart zu befassen und mit der Frage, wo und wie Avantgarden heute agieren und zu verorten sind. Avantgarden haben stets auf gesellschaftliche Krisen geantwortet. Und Krisen gibt es zweifellos zahlreiche. 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