{"id":4341,"date":"2019-09-04T12:52:27","date_gmt":"2019-09-04T12:52:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.viennavant.at\/?page_id=4341"},"modified":"2024-06-05T19:34:48","modified_gmt":"2024-06-05T19:34:48","slug":"tagung-wiener-netzwerke-1920-1970-2020","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.viennavant.at\/en\/tagung-wiener-netzwerke-1920-1970-2020\/","title":{"rendered":"ViennAvant-Tagung \u201eWiener Netzwerke 1920 \u2013 1970 \u2013 2020\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 16pt;\"><span style=\"font-family: 'Arial',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Dienstag, 26. November 2019, 10:00 \u2013 19:00 Uhr<span style=\"font-family: 'Arial',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/span><\/strong><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 16pt;\"><strong><span style=\"font-family: 'Arial',sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\">mumok \u2013 Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien<\/span><\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/netzwerktagung-foto.jpg\"><u><\/u><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-4385\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/netzwerktagung-foto-300x240.jpg\" alt=\"\" width=\"633\" height=\"506\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/netzwerktagung-foto-300x240.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/netzwerktagung-foto-1024x819.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/netzwerktagung-foto.jpg 1731w\" sizes=\"auto, (max-width: 633px) 100vw, 633px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: 'Arial',sans-serif; font-size: 10pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Foto: Niko Havranek \u00a9 mumok<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Arial',sans-serif; font-size: 12pt;\"><span style=\"color: #000000;\">Ziel der Tagung war es, die Wiener Avantgardenetzwerke der zweiten H\u00e4lfte des letzten Jhdts. in Beziehung zu der speziellen Netzwerkkultur der Wiener Moderne zu setzen und zu untersuchen, wie weit es heute solche Avantgardenetzwerke gibt, wie sie funktionieren und ob sie noch zu so viel produktiver Kraft und Innovation imstande sind. Dabei stand im Besonderen die Frage nach den Diskursen und ihren Bedingungen als Grundlage solcher Netzwerke im Fokus und wurde im Dialog unterschiedlicher Generationen beleuchtet. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Arial',sans-serif; font-size: 12pt;\">ViennAvant veranstaltete diese Tagung in Kooperation mit dem mumok \u2013 Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften &#8211; Institut f\u00fcr Kulturwissenschaften und Theatergeschichte sowie der Vienna Doctoral Academy der Universit\u00e4t Wien: Theory and Methodology in the Humanities. Die Kulturabteilung der Stadt Wien unterst\u00fctzte die Veranstaltung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Programm:<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Begr\u00fc\u00dfung: Rainer Fuchs, mumok, Marcello Farabegoli, ViennAvant<\/p>\n<p>Einf\u00fchrung Harald Katzmair, FASresearch: \u201eStruktur und Dynamik von Netzwerken\u201c<\/p>\n<p>Vortrag Wolfgang Pircher, Universit\u00e4t Wien: \u201e1920. Netzwerke des Wissens vs. Netzwerke der Macht\u201c<\/p>\n<p>Impulsstatements und Gespr\u00e4ch \u201eK\u00fcnstlerische Netzwerke der Zwischenkriegszeit\u201c:<br \/>\nDieter Bogner, bogner.knoll: \u201eDrei Netzwerker der Wiener Moderne: Kiesler_Tietze_Kass\u00e1k\u201c<br \/>\nBernhard Fetz, Literaturarchiv der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek:<br \/>\n\u201eDie Netzwerke der Wiener literarischen Moderne\u201c<br \/>\nMaximilian Kaiser, OEAW \/ INZ: \u201eHagenbund\u201c<br \/>\nMonika Platzer, AzW: \u201eNetzwerk_Internationale Kongresse Moderner Architektur (CIAM)\u201c<\/p>\n<p>Vortrag Michael Rohrwasser, Universit\u00e4t Wien: \u201eGab es die Stunde Null?\u201c<\/p>\n<p>Impulsstatements und Gespr\u00e4ch \u201eNetzwerke um 1970\u201c:<br \/>\nEva Badura-Triska, mumok: \u201eZum Personenfeld des Wiener Aktionismus\u201c<br \/>\nIrene Suchy, ORF: \u201eZerrissene Netzwerke\u201c<br \/>\nAlexandra Millner, Universit\u00e4t Wien: \u201eWiener Gruppe und Umfeld\u201c<br \/>\nGabriele Jutz, Universit\u00e4t f\u00fcr Angewandte Kunst: \u201eDer Wiener Experimentalfilm\u201c<br \/>\nRudolf Kohoutek, freier Urbanist: \u201eAls alle noch Zeit hatten. Architektur im Netzwerk der Wiener Avantgarden 1965-1975\u201c<\/p>\n<p>Vortrag Klaus Atzwanger, Universit\u00e4t Wien: \u201eaus-diskutiert. Aspekte des Erlahmens von Diskursen\u201c<\/p>\n<p>Impulsstatements und Gespr\u00e4ch \u201eNetzwerke heute\u201c:<br \/>\nJohanna \u00d6ttl, Universit\u00e4t Wien \u201eLyrik Netzwerke heute\u201c<br \/>\nAnna Spohn, Universit\u00e4t f\u00fcr Angewandte Kunst: \u201eAvantgarden heute?\u201c<br \/>\nVolkmar Klien, Bruckner Universit\u00e4t Linz: \u201eMusikavantgarden heute\u201c<br \/>\nAstrid Mager, Institut f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung der OEAW: &#8220;Algorithmen, Daten &amp; Netzwerke&#8221;<br \/>\nGeorg K\u00f6, Vienna Doctoral Academy der Universit\u00e4t Wien: &#8220;Netzwerke der Alltagskultur&#8221;<\/p>\n<p>Zusammenfassung Harald Katzmair, FASresearch: &#8220;Ergebnis aus der Sicht der Netzwerktheorie&#8221;<\/p>\n<p>Moderation: Michael Kerbler, Kombinat 3<br \/>\nKonzept und Organisation: Helga K\u00f6cher, ViennAvant<\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Mit der Tagung \u201eWiener Netzwerke 1920 \u2013 1970 \u2013 2020\u201c, die der Verein ViennAvant am 26. November 2019 im mumok \u2013 Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig veranstaltete, wurden unterschiedliche Zielgruppen erreicht: Forschende, Freiberufler, Kulturschaffende, Studierende, Pensionisten. Die Stimmung war besonders angenehm, da die innerhalb der wissenschaftlichen Community h\u00e4ufige Spannung der Konkurrenzierung durch die disziplin\u00e4re wie institutionelle Heterogenit\u00e4t wegfiel.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Der unkonventionelle Ansatz des Netzwerkforschers Harald Katzmair erzeugte schon mit seinem Intro eine positive Dynamik. Zun\u00e4chst gab er einen Einblick in die morphogenetische Struktur von Netzwerken. Wenn diese sich stabilisieren, erstarren sie und werden entropisch, erkl\u00e4rte er. Um Wissen zu generieren und zu katalysieren, m\u00fcssen sie daher stets Zyklen durchlaufen mit Phasen des Wachstums, des sich Konsolidierens, sich Verdichtens. In einer weiteren Phase w\u00fcrden sie kollabieren und m\u00fcssten wieder neu erfunden werden. Katzmair unterstrich die Dringlichkeit f\u00fcr die Entwicklung neuer Transformationsbeziehungen, die nie aus dem Zentrum k\u00e4men, sondern immer aus der Peripherie. Die entscheidende Frage sei: Unter welchen Bedingungen ist es m\u00f6glich, dass die Semiperipherie eines Netzwerks Subzentren produziert mit gen\u00fcgend Autonomie, damit radikal Neues entstehen kann, das von den Zentren nicht sofort gekauft oder zerst\u00f6rt wird &#8211; oder wegen der Schw\u00e4che der Peripherie zerf\u00e4llt?<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Katzmairs Hinweis auf den Psychiater, Soziologen und Begr\u00fcnder von Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie Jacob Levy Moreno war eine Br\u00fccke zur Key Note des \u00d6konomen und Philosophen Wolfgang Pircher, der die faszinierende Wissenschaftlerszene im Wien der Ersten Republik beleuchtete. Deren Vielfalt hatte 2016 sogar in Australien Claire Wright von der Macquarie-Universit\u00e4t motiviert, eine Netzwerkanalyse \u201eThe 1920s Viennese intellectual community as a center for ideas exchange\u201c zu entwickeln und im Journal \u201eHistory of Political Economy\u201c zu publizieren. Pircher beschrieb den besonderen Charakter dieser informellen Gespr\u00e4chskreise, ihre Entstehung und Dynamik &#8211; den \u201eWiener Kreis\u201c und innerhalb dieses noch den Schlick-Kreis, das Privatseminar von Ludwig Mises und Friedrich August von Hayek, Hayeks eigenen \u201eGeist-Kreis\u201c, das Institut f\u00fcr Konjunkturforschung und andere mehr. Durch die selektive Aufnahme und konstante Zusammensetzung der Teilnehmer entstanden \u201eDenkkollektive\u201c. Es gab aber auch F\u00e4den zu externen Institutionen, etwa zur Rockefellerstiftung. Zur gleichen Zeit, wo die Teilnehmer dieser avantgardistischen Netzwerke an vorderster Front der wissenschaftlichen Erkenntnisse forschten und diskutierten, agierten &#8211; oft verdeckt \u2013 auch eine Reihe von reaktion\u00e4ren Netzwerken wie die \u201eB\u00e4renh\u00f6hle\u201c, eine antisemitische Vereinigung rund um den Pal\u00e4ontologen Othenio Abel, die mit \u00e4hnlichen Gruppierungen und Geheimb\u00fcnden wie der \u201eDeutschen Gemeinschaft\u201c, dem \u201eDeutschen Klub\u201c und der \u201eAkademischen Sektion\u201c vernetzt waren. Das waren keine offenen Netzwerke, sondern Netzwerke der Macht durch die Verzahnung mit Institutionen, die sie instrumentalisierten, vor allem gegen j\u00fcdische Wissenschaftler. Dazwischen gab es auch das neutrale Milieu der Volksbildung. In den Volkshochschulen, der \u201eUniversit\u00e4t der kleinen Leute\u201c lehrten bedeutende Wissenschaftler. Ludo Moritz Hartmann sah Demokratie und Volksbildung als einander bedingend. In seinem Modell generierten Lehrende und Lernende auf Augenh\u00f6he Wissen.<\/span><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel1_1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4473 size-large\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel1_1-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel1_1-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel1_1-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel1_1-1-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel1_1-1.jpg 2016w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Im folgenden ersten Gespr\u00e4chsblock zeigten sich unterschiedliche methodische Zug\u00e4nge der kulturhistorischen Forschung: W\u00e4hrend der Museologe und Kunstsammler Dieter Bogner an Hand der Netzwerke Kiesler, Tietze und K\u00e1ssak die Schwierigkeiten aufzeigte, die Wirkungsgeschichte L\u00e4nder-, ja Kontinente \u00fcbergreifender Netzwerke zu erforschen, arbeitete der Direktor des \u00d6sterr. Literaturarchivs und Literaturmuseums Bernhard Fetz strukturelle Parallelen zwischen dem Vorkriegsnetzwerk von Robert M\u00fcller und dem Nachkriegsnetzwerk von Oswald Wiener heraus, die aus der archivarischen Forschung evident wurden. Dabei nahm er die Beobachtung Wolfgang Pirchers wieder auf, dass Netzwerke nicht immer nur f\u00fcr, sondern auch gegen etwas gegr\u00fcndet werden. Maximilian Kaiser, OEAW, erl\u00e4uterte die Methode, mit der das k\u00fcnstlerische Netzwerk Hagenbund in einem Forschungsprojekt des Belvedere dargestellt und visualisiert wurde.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Die Sammlungsleiterin des AzW Monika Platzer beschrieb mit der Entwicklung von CIAM, dessen \u00f6sterreichisches Gr\u00fcndungsmitglied Josef Frank war, den Prototyp eines internationalen Netzwerks der Zwischenkriegszeit. Ziel von CIAM war es, ein zeitgem\u00e4\u00dfes Architekturprogramm zu schaffen, das von den Mitgliedern vertreten und \u00fcber L\u00e4ndergruppen weltweit verbreiten werden sollte. Als Initiator und k\u00fcnstlerischer Leiter der Werkbundsiedlung lud Josef Frank neben Wiener Architekten aus drei Generationen auch vier CIAM-Mitglieder aus dem Ausland zur Teilnahme ein, darunter Andr\u00e9 Lurcat und Gerrit Rietveld. Otto Neurath trug dort seine universelle Bildsprache vor.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">In der Diskussion dieses Blocks wurde vor allem die Frage der Wirkm\u00e4chtigkeit der besprochenen Netzwerke verhandelt. Zeitungen wurden als wichtig f\u00fcr die Themensetzung hervorgehoben. Deutlich wurden die Auswirkungen der politischen Umw\u00e4lzungen auf die Netzwerke, aber auch, wie es manche von ihnen schafften, diesen Herausforderungen durch Migration oder durch Neugr\u00fcndung erfolgreich zu begegnen. Dieter Bogner und Monika Platzer betonten, dass Netzwerke wegen ihrer Interdisziplinarit\u00e4t durchl\u00e4ssiger und bei weitem offener seien als Berufsvereinigungen. Auf die Frage des Moderators, ob in die Interdisziplinarit\u00e4t der kulturwissenschaftlichen Netzwerke auch Naturwissenschaften involviert waren, erz\u00e4hlte Bernhard Fetz, dass in den Salons von Berta Zuckerkandl ihr Mann, der ber\u00fchmte Anatom Emil Zuckerkandl Vortr\u00e4ge mit Schautafeln aus dem anatomischen Atlas hielt, die zweifellos den anwesenden Gustav Klimt inspirierten. Monika Platzer wies darauf hin, dass in den Anf\u00e4ngen der \u201eAlpbacher Hochschulwochen\u201c die \u00d6ffnung zu allen Disziplinen sehr stark war. Dieter Bogner subsumierte: Heute herrsche zu 90% Disziplinendenken. In den 50er-Jahren habe Musik eine Rolle gespielt, Otto Neurath eine Rolle gespielt, die Positivisten eine Rolle gespielt\u2026. Diese Leichtigkeit wieder zu gewinnen w\u00e4re sch\u00f6n.<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Der Nachmittag begann mit einer Lecture des Literaturwissenschaftlers Michael Rohrwasser zur Frage der \u201eStunde Null\u201c. Der Kurs dieses Begriffs sei sehr bald deutlich gesunken, stellte er fest. In den deutschen Amtstuben genauso wie in den gro\u00dfen Verlagen konnten alte Nazis bis hin zum Bundeskanzler Karriere machen. Die Weigerung, sich der Vergangenheit zu stellen sei Bedingung f\u00fcr den Wiederaufbau gewesen. Eine Trauerarbeit habe es vorerst nur an den R\u00e4ndern gegeben \u2013 z.B. in Becketts \u201eEndspiel\u201c. Am konsequentesten habe die Ausl\u00f6schungsarbeit im deutschen Schlager stattgefunden. Der Opfermythos sei erfunden worden. Der Berliner Mauerbau war das Entlastungssystem, das die eine Seite vor der anderen sch\u00fctzte, den jeweils anderen Teil Deutschlands zum Erbe des Nationalsozialismus erkl\u00e4rte und f\u00fcr sich selber die Formel des Neuanfangs bzw. der Befreiung in Anspruch nahm. Klaus Theweleit spitzte sarkastisch zu: Die Deutschen seien die psychologischen Sieger dieses Krieges geblieben: Die Juden seien weg, die Kommunisten weg, die Arbeiterbewegung kaputt, die sexuelle Befreiung gestoppt und 20 Millionen get\u00f6teter Russen im R\u00fccken. Dieses gr\u00f6\u00dfte Schlachtopfer sei also erfolgreich gewesen. Aber die Armee w\u00e4re sauber geblieben. Das Blut sei metaphorisch zum Universalreinigungsmittel der Waschmittelwerbung mutiert. &#8211; Auch in \u00d6sterreich floss in den 60er-Jahren viel Blut in den Inszenierungen des Wiener Aktionismus, dessen Zentralorgan die \u201eDie Blutorgel\u201c hie\u00df. Auf der B\u00fchne wurden Stiere, L\u00e4mmer und Schweine geschlachtet und ausgenommen. Der Aufschrei derer, die sich gesundes Empfinden zuschrieben, war gro\u00df. Tats\u00e4chlich seien diese \u00f6ffentlichen Schlachtungen gro\u00dfangelegte St\u00f6rman\u00f6ver gegen den Verdr\u00e4ngungskult nach 1945 gewesen. Die \u201eStunde Null\u201c war Gespensterstunde. Das Verdr\u00e4ngte kehrte wieder, beispielsweise in Hans Leberts Roman \u201eWolfshaut\u201c aus 1960, in dem die Ermordeten das Dorf heimsuchen und Rache nehmen, obwohl man die Bluttat doch so sch\u00f6n vergessen hatte. Elfriede Jelinek hat das Thema noch einmal in ihren \u201eKinder der Toten\u201c aufgegriffen. &#8211; Unheimlich seien auch diejenigen gewesen, die nicht zur\u00fcckkamen, sich aber von drau\u00dfen zu Wort meldeten, wie Hermann Kesten, wichtiger Romanautor der Weimarer Republik und literarischer Lektor von Seghers, Kafka, Benn, Joseph Roth, Freund Klaus Manns und ein streitbarer Geist. 1961 kam es auf Initiative des linken Verlegers Feltrinelli zu einem Treffen von Hermann Kesten und Uwe Johnson. In seiner Er\u00f6ffnungsrede bezeichnete Kesten Bertolt Brecht als einen \u201eDiener der Diktatur\u201c. Das emp\u00f6rte Feltrinelli. Nach einem Streitgespr\u00e4ch wurde der Zwist zwar zun\u00e4chst applaniert. Kurz darauf erschien jedoch in der \u201eWelt\u201c ein Artikel von Kesten, in dem dieser Uwe Johnson unterstellte, er habe \u201ewie Ulbricht gesprochen. Die Mauer sei eine Notwendigkeit gewesen, vern\u00fcnftig und sittlich\u201c. Feltrinelli schrieb daraufhin an Kesten, er m\u00fcsse Johnson v\u00f6llig missverstanden haben. Der \u201eSpiegel\u201c brachte eine Richtigstellung aufgrund eines Tonbands, dessen Authentizit\u00e4t Kesten jedoch bezweifelte. \u201eDie Zeit&#8221; sprach von einem Rufmordversuch Kestens an Johnson; dagegen polemisierte \u201eDie Welt&#8221; weiter gegen vermeintliche \u201eRessentiments&#8221;. Alte Emigranten solidarisierten sich mit Kesten, die neue Literaturszene dagegen mit Uwe Johnson. Kesten gab keinen Kommentar mehr ab. Ein Jahr sp\u00e4ter schrieb er allerdings die Novelle \u201eDer Lebensweg des Nikolaus Stern&#8221;, deren Protagonist beim Fluchtversuch an der Mauer erschossen wird. Einer der Sch\u00fctzen ist Germanist, der, wie Johnson, in Leipzig bei einem &#8220;schlauen Professor&#8221; namens Mayer studiert hat und der seine Todessch\u00fcsse mit dem Satz rechtfertigt: \u201eEr starb in Konsequenz der Notwehr unserer Beh\u00f6rden&#8221;. Der Erschossene, Nikolaus Stern ist Jude und tr\u00e4gt die Geburtsdaten Kestens. &#8211; In der Aff\u00e4re spiegelt sich auch ein Missverstehen literarischer Generationen: der junge Autor reagiert nicht moralisch auf den Schock des Mauerbaus; der alte Emigrant, ausgebuht wegen seines Urteils \u00fcber Brecht, f\u00fchlt sich unverstanden und sp\u00fcrt noch einmal die Ausklammerung der Exilliteratur in Westdeutschland.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4498 size-large\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel2-1024x579.jpg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel2-1024x579.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel2-300x170.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel2-1536x869.jpg 1536w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel2-2048x1158.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Im folgenden zweiten Gespr\u00e4chsblock entfaltete die Kunsthistorikerin und Kuratorin Eva Badura das Umfeld des Wiener Aktionismus, das kein Netzwerk, sondern ein Personenfeld war. Es erstreckte sich durchaus nicht nur auf Bildende K\u00fcnstler, Filmer und Fotografen, sondern zu ihm geh\u00f6rten auch Veranstalter, Journalisten, Verleger, Anw\u00e4lte, Architekten, Experimentalpsychologen\u2026. Und es waren Frauen, die die wirtschaftliche Basis boten. Die Musikwissenschaftlerin Irene Suchy dagegen fokussierte in ihrem Beitrag \u201eZerrissene Netzwerke\u201c nicht auf die bekannten Musikernetzwerke der Nachkriegszeit wie \u201edie reihe\u201c, sondern auf die schwierige Rolle der Frauen und auf die Konservativit\u00e4t der Komponistenszene, die noch immer zur Verfestigung neigt und es Frauen sehr schwer macht, zu Auff\u00fchrungen zu kommen und zu re\u00fcssieren. Die Literaturwissenschaftlerin und Pr\u00e4sidentin des H.C. Artmann-Clubs Alexandra Millner bot eine stringente Kurzzusammenfassung der Geschichte der \u201eWiener Gruppe\u201c an Hand der wichtigsten Ereignisse mit Herausarbeitung der Erfolgskriterien: Ablehnung und Ausgrenzung aus dem offiziellen Literaturbetrieb f\u00fchrten zur Eigeninitiative, als entscheidend erwiesen sich fixe Orte, gemeinsame Projekte, Veranstaltungen, Lesungen, Zeitschriften, vor allem aber ein Mentor: neben Hans Weigel war Heimito von Doderer ein gro\u00dfer F\u00f6rderer der Wiener Gruppe.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Die Medientheoretikerin und Filmwissenschaftlerin Gabriele Jutz schilderte profund die drei aufeinanderfolgenden Generationen der Wiener Experimentalfilm-Netzwerke. <\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">In der ersten Generation Mitte der 50er-Jahre mit Peter Kubelka, Marc Adrian, Kurt Kren und Ferry Radax <\/span><span style=\"font-size: 11.0pt;\">gab es kein Netzwerk, wohl aber Freundschaften und Rivalit\u00e4ten. Die K\u00fcnstler <\/span>i<span style=\"font-size: 11.0pt;\">nteressierten sich f\u00fcr das Medium selbst<\/span> &#8211; d<span style=\"font-size: 11.0pt;\">ie Projektion, das Medium, die Kamera. Es ging um die Frage nach dem Wesentlichen des Films. <\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">In der zweiten Generation kam mit Gottfried Schlemmer, Hans Scheugl, VALIE EXPORT und den Aktionisten der gesellschaftliche Anspruch dazu.<\/span> Die generelle Infragestellung von<span style=\"font-size: 11.0pt;\"> Kunst <\/span>f\u00fchrte <span style=\"font-size: 11.0pt;\">zu einer Erweiterung des Mediums &#8211; dem Expanded Cinema. Das \u201eTapp- und Tastkino\u201c von VALIE EXPORT war 1968 der \u201eerste echte Frauenfilm\u201c. In der dritten Generation der 80er-Jahre arbeiteten Lisl Ponger, Gustav Deutsch, Mara Mattuschka, Martin Arnold und Peter Tscherkassky auf der Basis von Found Footage. Ein anderer Aspekt war das von Maria Lassnig 1982 gegr\u00fcndete Studio f\u00fcr experimentellen Animationsfilm. Vor allem von Frauen wie Sabine Groschup und Mara Mattuschka wurden hier Low Budget- und Low Tech Filme bis 1997 gemacht.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Der Urbanist und Zeitzeuge Rudolf Kohoutek schlie\u00dflich steuerte mit seinem Beitrag \u201eAls alle noch Zeit hatten\u201c einen strukturellen Ansatz bei \u2013 eine Rekonstruktion von Netzwerken in Diagrammen. Vernetzungen waren charakteristisch f\u00fcr die Avantgarden, aber auch Politisierung, soziales Engagement, Mitbestimmung. Avantgarden seien stets unerwartet, unerkannt, lebensn\u00e4her als der Mainstream. Die Avantgarde war zu Ende, als niemand mehr Zeit hatte, res\u00fcmierte Kohoutek.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">In der Diskussion wurden Ver\u00e4nderungen thematisiert, die Br\u00fcchigkeitscharakter haben. Eva Badura merkte an: Der gemeinsame Gegner, das war damals die \u00d6ffentlichkeit. Heute herrsche in der Kunstwelt eine gewisse Bequemlichkeit. Die Kunst sollte wieder sch\u00e4rfer werden und sich vom Kunstmarkt emanzipieren. Alexandra Millner schilderte die Flexibilit\u00e4t H.C. Artmanns, der, wenn es einen Skandal gab wie mit seinem Gedicht in den \u201eNeuen Wegen\u201c, einfach eine neue Plattform gr\u00fcndete. Irene Suchy hob die Bedeutung des \u201eGesetzes zur Freiheit der Kunst\u201c 1982 hervor. Es sei ein Meilenstein in \u00d6sterreich gewesen, der f\u00fcr die Kunst eine gewisse Sicherheit bedeutet und der Politik einen Freiraum zur Unterst\u00fctzung geschaffen habe. Gabriele Jutz erw\u00e4hnte das zunehmende Verschwinden des Analogen zugunsten des Digitalen, eine Verarmung, die die K\u00fcnstler_innen aber nicht akzeptieren wollten und vor allem im Ausstellungskontext wieder zunehmend den analogen Film einfordern. Die digitalen Medien w\u00fcrden zu einer kulturellen Amnesie f\u00fchren, da das digitale Bild omnipr\u00e4sent sei, aber seine Quelle unsichtbar. Wenn man die Produktionsmittel herzeige, statt sie verschwinden zu lassen, sei das politisch, postulierte sie. Dem stimmte auch Rudolf Kohoutek zu und stellte in der Gegenwart eine digital-affektive Gr\u00fcnderzeit fest, die zu einem weltweiten Universalstil f\u00fchre. Er betonte, dass die Erlebnisweise einer Epoche am schwersten zu vermitteln sei.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Der Vortrag des Verhaltensforschers Klaus Atzwanger \u201eAusdiskutiert. Aspekte des Erlahmens von Diskursen\u201c war ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Diskurs. Kommunikation sei eine Universalie, ein menschliches Grundbed\u00fcrfnis. Die Rhetorik der Antike habe sich mit dem gesamten Prozess der Wissensverarbeitung und Wissensweitergabe besch\u00e4ftigt. Der kultivierte Austausch von Standpunkten und Meinungen als Kunst sei schon in der griechischen Wiege der Demokratie nachweisbar. Dieser Austausch von Sachargumenten, die spielerische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen, die \u00dcbernahme von Gedanken und das Abw\u00e4gen unterschiedlicher Standpunkte &#8211; also das, was wir Diskurs nennen &#8211; seien F\u00e4higkeiten, die nicht evolution\u00e4r entstanden sind, sondern im Rahmen der Kulturation. In den Zivilisationsprozessen habe er zu Hochkulturen gef\u00fchrt. Dieser Diskurs sei die notwendige Basis der Demokratie. Durch die \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche und durch die Selbstoptimierung laufe aber die F\u00e4higkeit zum Diskurs Gefahr, verloren zu gehen. Das bedrohe unsere Demokratie. Es bedrohe aber auch die Wissenschaft. Die Wissenschaft brauche Diskurs und Netzwerke, die einander wechselseitig bedingen. Die gro\u00dfen Ideen und Erkenntnisse entst\u00fcnden niemals nur in einem genialen Kopf. Durch Vereinzelung k\u00f6nnten die besten Ideen keine \u00d6ffentlichkeit und politische Kraft entwickeln. Bereits erkennbares Fazit dieser ungl\u00fccklichen Entwicklung sei das Stagnieren der Budgets f\u00fcr Sozial- und Geisteswissenschaften, denn diese bem\u00fchten sich weit weniger um \u00d6ffentlichkeit als die Naturwissenschaften und signalisierten dadurch der Politik weniger Bedeutung. Atzwanger rief dazu auf, \u00fcber Fachgrenzen hinweg Br\u00fccken zu schlagen, verst\u00e4rkt interdisziplin\u00e4r zu arbeiten und die eigene Forschung auch in andere Kreise zu tragen, auch in die Politik und die Wirtschaft, bei der er aus der Erfahrung seiner Beratert\u00e4tigkeit Defizite sehe. Sein Aufruf \u201eHaben Sie Mut!\u201c stie\u00df auf viel Response.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel3-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4499 size-large\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel3-1024x579.jpg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel3-1024x579.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel3-300x170.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel3-1536x869.jpg 1536w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Panel3-2048x1158.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Der dritte Gespr\u00e4chsblock war den Netzwerken der Gegenwart gewidmet. Die Kunsthistorikerin und Theoretikerin Anna Spohn, die diesen Block er\u00f6ffnen sollte, war leider erkrankt. Die Literaturwissenschaftlerin und Programmkoordinatorin der Alten Schmiede Johanna \u00d6ttl fokussierte in ihrem Beitrag auf Lyrik-Netzwerke, die sich trotz ver\u00e4nderter Produktionsbedingungen um einige wichtige independent Kleinverlage gebildet haben und handelte deren Gegen\u00f6ffentlichkeitskonzepte an zwei Beispielen ab: Der von einem demokratischen Kollektiv betriebene Hochroth-Verlag mit inzwischen 8 Standorten von Wien bis Paris umgehe das Problem der Lagerkosten durch das Format kleiner B\u00fccher, die man leicht dezentral am Laser-Drucker produzieren kann. Mit dem Konzept \u201eLyrik-Buchhandlung\u201c nur f\u00fcr Kleinverlage habe er ein Pendant zur Leipziger Buchmesse geschaffen. Der Vernetzungsaspekt stehe auch im Mittelpunkt der Plattform \u201eFix Poetry\u201c, die sich gegen das offizielle Feuilleton richte und mit einem Preis f\u00fcr weibliche Lyrik die Stimme von Frauen f\u00f6rdere.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Das Thema von Volkmar Klien, Komponist, Musikwissenschaftler, Professor an der Bruckner-Universit\u00e4t und Co-Kurator der Alten Schmiede war \u201eMusikavantgarden heute\u201c. In der Komposition sei die Avantgarde nach dem Krieg \u00fcber ihre Netzwerke extrem erfolgreich gewesen mit Darmstadt als Zentrum. Die damals Jungen seien alle Professoren geworden und ins Zentrum der Macht gerutscht. Dadurch sei die Avantgarde eine Art Verpflichtung geworden. Junge Leute schrieben nun so wie diese Nachkriegsavantgardisten. Und w\u00e4hrend sie den ganzen Tag f\u00fcr ihre Karriere \u201enetworken\u201c, was auch ein Teil dieser Selbstoptimierungsmaschine ist, sei es seit einigen Jahren m\u00f6glich, mittels \u201ek\u00fcnstlicher Intelligenz\u201c gute Musik zu produzieren. Die Produzenten seien keine Komponisten mehr, sondern Techniker, die gr\u00f6\u00dften Forschungsgruppen seien Google, Spotify, Microsoft. Das sei aber auch ein weiterer Schritt zur Machterlangung. Und im Kampf dagegen optimiere man weiter das System. <\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Der Beitrag von Astrid Mager, Netzwerkforscherin im Institut f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung der OEAW schloss sich nahtlos an mit ihrem Beitrag \u201eAlgorithmen, Daten, Netzwerke\u201c. Das Internet sei ein Werkzeug auf der Suche nach Ergebnissen. Aber das Werkzeug beeinflusse nat\u00fcrlich auch das Ergebnis. Astrid Mager nahm uns mit auf eine Reise zur Wiege des Internets am Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Zeitschriften haben auch da eine Rolle gespielt. Das Wired Magazine war das Organ der Cyber-Elite, ein Sammelbecken von Intellektuellen, Science Fiction Autoren und Cyberfeministinnen rund um Donna Haraway, die von der Utopie einer anderen Welt tr\u00e4umten, einem euphorischen Ideal, in dem jeder eine Stimme haben k\u00f6nne. Diese Utopie sei einer Dystopie gewichen. Die Struktur des Netzes heute sei der damaligen Vorstellung total entgegengesetzt. Die urspr\u00fcnglich h\u00e4ndisch kategorisierten Webseiten seien bald nach ihrem Wert durch ihre jeweilige Gewichtung im Schneeballeffekt referenziert worden. Webseiten st\u00fcnden nicht mehr demokratisch nebeneinander, sondern Silicon Valley habe zu einer enormen Hierarchisierung gef\u00fchrt, zur Zerst\u00f6rung von Diskursen durch Bots, zur Verzerrung durch Bias\u2026 \u201eTechnologie ist verfestigte Gesellschaft\u201c zitierte sie Bruno Latour. Wo die digitale Avantgarde heute noch zu finden sei? Bei K\u00fcnstlergruppen, die Projekte ins Darknet stellen und die Frage nach der Verantwortung thematisieren? Bei Hacker Spaces, wo Leute an neuen L\u00f6sungen arbeiten? In der Block Chain Technologie, wo ein noch etwas anarchischerer Raum erschlossen wird? Bei einer Gruppe von Forscher_innen, die versucht, einen europ\u00e4ischen Index zu schaffen als Alternative zu Google und Bing?<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Den Abschluss bildete der Beitrag des Historikers und Aktivisten Georg K\u00f6 zu Netzwerken der Alltagskultur. In der Vorstadt habe Kultur andere Perspektiven. Der Verein Kulturraum 10 besch\u00e4ftige sich mit den Themen, die den Menschen in Favoriten am Herzen liegen. Zu seinen Aktivit\u00e4ten geh\u00f6rten Expert_innengespr\u00e4che zu Themen aus Favoriten mit den Favoritnern, die ja selbst Expert_innen f\u00fcr ihren Bezirk seien, und die Besch\u00e4ftigung mit Bezirksgeschichte, aber auch Kunst im \u00f6ffentlichen Raum. J\u00e4hrlich veranstalte er das Stumm- und Laut-Festival zu Avantgardefilmen der 20er-Jahre, die in den Sascha-Filmstudios am Laaerberg gedreht worden sind und nun mit gegenwartsavantgarder Musik Open Air pr\u00e4sentiert werden. Kulturraum 10 vernetze sich mit anderen Vereinen und aus ihm entst\u00fcnden weitere Initiativen wie die Aktion \u201eOffener Reumannplatz\u201c, der die \u201eNeugestaltung\u201c des Parks mit einem Gastropavillon mit Prosecco-Bar verhindert habe. Eine \u201eSchnelle Eingreiftruppe\u201c habe in einer ironischen Aktion den Platz in Slow Motion vermessen. N\u00e4chstes Projekt sei die Schaffung eines \u201eMuseums der Migration\u201c, f\u00fcr die Kultur10 wieder mit anderen Akteuren kooperieren wird.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">In der Diskussion, die Michael Kerbler mit den Fragen er\u00f6ffnete \u201eWo ist Voraus? Wo ist Kultur? Wo ist demokratische Mitbestimmung? Wo ist Partizipation?\u201c, betonte Klaus Atzwanger noch einmal: Wesentlich sei der Br\u00fcckenschlag \u2013 auch von Elementen, Ideen, Dingen, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben, wo wir es nicht erwarten w\u00fcrden. Astrid Mager zeigte sich skeptisch bez\u00fcglich des Hypes K\u00fcnstlicher Intelligenz: Diese sei ja nur ein Kumulieren von gro\u00dfen Datenmengen, die aber schon gebiast, also verzerrt sind. Unsere ethischen Anstrengungen k\u00f6nnten da wenig ausrichten. Auch Volkmar Klien ist beunruhigt dar\u00fcber, was diese Alien-Gesellschaft Mensch macht. Das AI lerne alles, was schlecht ist. Im Zentrum und am Anfang m\u00fcsse immer stehen, was ich eigentlich will. F\u00fcr ihn sei das Musizieren eine Gestaltung von Gesellschaft. Interessant sei, diese Netzwerke anzubinden an einen Ort. Das sei zwar Low techn. Aber wenn man sich anschaue, wie viele Dinge mit wieviel Aufwand nicht funktionierten\u2026 Der allgemeine Wunsch nach entschleunigten partizipativ organisierten Begegnungsr\u00e4umen wurde laut, Orte wie etwa die Alte Schmiede. Georg K\u00f6 stellte fest: Avantgarde m\u00fcsse nicht unbedingt verkrampft innovativ sein. Es gehe doch viel mehr darum, wie die Dinge angeordnet seien und welchen Sinn wir darin f\u00e4nden. Dass das unbedingt neu sein m\u00fcsse, erscheine ihm eher reaktion\u00e4r.<\/span><span style=\"font-size: 11pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Default\"><span style=\"font-size: 11.0pt;\">Abschlie\u00dfend \u00fcberlegte Harald Katzmair mit Vortragenden und Auditorium gemeinsam, welches Thema einer Avantgarde 2020 zukommen k\u00f6nnte. Wir leben in einer Zeit der \u00dcberproduktion und unendlicher Fragmentierung, in einer \u00dcberkumulierung von Zeichen und v\u00f6lligem Mangel an Sinn, war seine Gegenwartsdiagnose. Die Aufmerksamkeit sei v\u00f6llig ges\u00e4ttigt. Nahe Freundschaften w\u00fcrden verloren gehen. In dieser Rastlosigkeit seien wir in uns selbst gespalten. Die Frage ist aber doch: Warum gibt es Musik? Warum gibt es Tanz? Warum gibt es Bilder? Warum gibt es Film? Es gehe bei Kunst um unser fundamentales In-der-Welt-Sein, um die Arbeit am Symbolischen, jenseits des Verkarsteten, des entt\u00e4uschenden Ereignisses, das wir Endprodukt nennen. Es gehe um Sense-Making \u2013 und das sei ein komplexer, schwieriger Prozess. Alles ersch\u00f6pfe sich, m\u00fcsse immer neu errungen und neu ausgemessen werden. Die Avantgarden h\u00e4tten immer versucht die bestehenden Fluchtlinien aufzubrechen um etwas zu finden, was Sinn macht. Avantgarde, das h\u00e4tten wir heute in vielen Facetten geh\u00f6rt, ist eine, die sich immer wieder auf dieses riskante Extrem einlasse \u2013 auf den prek\u00e4ren Versuch des Anderswerdens, der Suche nach neuen Konzepten, neuen Formen des Zusammensetzens, damit wir einen Sinn finden. Die Avantgarde werde heute bei uns nicht politisch unterdr\u00fcckt, sondern sie laufe Gefahr, im wei\u00dfen Rauschen der \u00dcberproduktion unterzugehen. Er sei sich nicht sicher, ob wir Feuer mit Feuer bek\u00e4mpfen k\u00f6nnten, selber unsere Bots produzieren und gegen andere Bots ins Rennen schicken, um die Konzerne zu konkurrieren. Der Raum des nicht Gesagten werde immer gr\u00f6\u00dfer, der Sinn immer kleiner, die psychische Entropie nehme zu. Wir ben\u00f6tigen einen geordneten R\u00fcckzug &#8211; eine \u201eArrieregarde\u201c, war sein Befund. Die Philosophia beginne mit der Freundschaft und der Mu\u00dfe. Aber gegenw\u00e4rtig l\u00f6sten sich die Freundschaften auf in Konkurrenz und die Mu\u00dfe in Rastlosigkeit, um in dieser Aufmerksamkeits\u00f6konomie erfolgreich zu sein. Diese Egozentrik, dieser unvorstellbare Narzissmus bewirke, dass wir nicht mehr aufeinander achten und die Freundschaft sterbe. Wir m\u00fcssten Orte schaffen, wo wir uns sammeln k\u00f6nnen, eine tempor\u00e4r autonome Zone, in der es m\u00f6glich ist, Fragen zu stellen. Alle Netzwerke die gelingen, w\u00fcrden sich \u00fcber Small Groups bilden. Wir br\u00e4uchten wieder Small Groups, in denen wir gro\u00dfe Fragen stellen, auch wenn wir sie nicht beantworten k\u00f6nnen. Was machen wir? Was f\u00fchlt sich sinnvoll an und was nicht? Wie schaffen wir es, das Leben zum Gelingen zu bringen? Welche Quellen sind f\u00fcr uns noch aktiv? Oft gehe es weniger darum, der Welt noch etwas hinzuzuf\u00fcgen als viel eher darum, etwas freizulegen, wie Arch\u00e4ologen den Schutt wegzur\u00e4umen. Der gesellschaftliche Infarkt sei schon da und wir m\u00fcssten wieder zu den Anf\u00e4ngen zur\u00fcck. Wir m\u00fcssten den Mut haben, auch naive Fragen zu stellen. &#8211; Drei Gruppen seien es, die wir f\u00fcr eine neue Avantgarde miteinander in Resonanz bringen sollten: Digitale Ingenieure, bei den es schon Br\u00fcchigkeitsanzeichen gibt. Dort seien viele, die nicht wollten, dass die Welt so vor die Hunde gehe, die eine neue Sprache entwickelten, die eine humanistische Sicht einbr\u00e4chten, Fragen \u00fcber Brain Hacking, Sensus Hacking\u2026 Weiters K\u00fcnstler \/ K\u00fcnstlerinnen, denen es darum gehe, das Nicht-Sagbare sagbar zu machen, das Unsichtbare sichtbar zu machen, um die Arbeit am Symbolischen, die Arbeit an dem, was wir nicht mit Worten sagen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich noch die Aktuare, die Investment Guys und Risikomanager, die in einer v\u00f6llig disconnected world lebten. Die Frage sei nicht: Wer ist Beeinflusser, sondern wer ist beeinflussbar? \u201eSucht Euch die Beeinflussbaren unter den Ingenieuren und den K\u00fcnstlern und den Investment Guys\u201c, forderte Harald Katzmair die Anwesenden auf. Denn f\u00fcr die Zukunft unserer Kultur sei es entscheidend, solche hybriden Netzwerke zu schaffen, aber auch nicht zu vergessen, die Freundschaft ernst zu nehmen, aufeinander zu schauen, solidarisch zu sein und Fragen zu stellen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag, 26. 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