{"id":2432,"date":"2016-12-15T12:17:18","date_gmt":"2016-12-15T12:17:18","guid":{"rendered":"http:\/\/viennavant.cloud.d2mc.com\/?page_id=2432"},"modified":"2016-12-15T12:17:57","modified_gmt":"2016-12-15T12:17:57","slug":"referat-andreas-felber","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.viennavant.at\/en\/symposium-teststrecke-kunst-wiener-avantgarden-nach-1945\/wiener-grund\/referat-andreas-felber\/","title":{"rendered":"Referat Andreas Felber"},"content":{"rendered":"<div id=\"main\">\n<div id=\"content\">\n<div id=\"contentMain\">\n<h2><strong>Gesch\u00fctzte Werkst\u00e4tten: Die Entstehung der Wiener Free-Jazz-Avantgarde im Umfeld der 1950er- und 1960er-Jahre<\/strong><\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Felber7.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-864\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Felber7-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Felber7-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Felber7-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Felber7.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Von einem <cite>\u201ct\u00f6nendes Gruselkabinett\u201d<\/cite> war da Mitte Dezember 1969 in der Tageszeitung Kurier zu lesen , im Volksblatt hingegen von <cite>\u201eJazz zum Abgew\u00f6hnen\u201c<\/cite> und einer <cite>\u201cmusikalische[n] Geisterbahn\u201d<\/cite>, wobei im selben Artikel zudem der Ruf nach der Gr\u00fcndung eines <cite>\u201cInstrumentenschutzvereines\u201d<\/cite> laut wurde. Und der Express berichtete: <cite>\u201eDas Publikum klatschte und buhte zu etwa gleichen Teilen, pl\u00e4dierte aber schlie\u00dflich immer \u00f6fter f\u00fcr \u201aAufh\u00f6ren!\u2019 Die Masters packten ihre Instrumente ein und verlie\u00dfen die B\u00fchne mit dem Hochgef\u00fchl, unverstanden geblieben zu sein.\u201c<\/cite><\/p>\n<p>Ja, es roch schon ein bisschen nach Skandal, was sich da am 13. Dezember 1969 im Gro\u00dfen Saal des Wiener Konzerthauses abspielte. Im Vorprogramm zum Konzert von Jazzpianisten-Legende Thelonious Monk trat an jenem Abend die Free-Jazz-Formation der Masters of Unorthodox Jazz auf \u2013 und polarisierte in einer Art und Weise sowohl Publikum als auch Medien (es sei dazu gesagt, dass es auch positive, apologetisch gef\u00e4rbte Rezensionen gab ), die heute, 40 Jahre sp\u00e4ter, kaum mehr denkbar scheint. Dabei hatte auch einige Monate zuvor ein Konzert jener Masters (im Folgenden auch mit MoUJ abgek\u00fcrzt) mit einem Eklat geendet, und zwar im M\u00e4rz 1969 beim \u00d6sterreichischen Amateur-Jazzfestival, ebenfalls im Wiener Konzerthaus: Als letzter Programmpunkt des Abends angesetzt, mussten die Musiker ihr Konzert abbrechen \u2013 was weniger mit dem nach einem enthusiastisch gefeierten Auftritt des Cannonball-Adderley-Quintetts unaufmerksamen Publikum zu tun hatte, als mit den Veranstaltern, die bei laufendem Konzert der Masters Mikrofone und das technisches Equipment demontieren lie\u00dfen. Auch das ist heute nicht mehr vorstellbar.<\/p>\n<p>Wer waren diese Musiker, die im Jahr 1969 noch solche Reaktionen provozierten? Wer waren diese M\u00e4nner mit den teilweise exotisch klingenden Namen Alaeddin Adlernest, Harun Ghulam Barabbas, Richard Ahmad Pechoc, Anton Michlmayr und Walter Muhammad Malli? Nun, bei jenen <cite>\u201eMeistern des Unorthodoxen\u201c<\/cite> handelte es sich erstaunlicherweise tats\u00e4chlich um Musiker aus Wien. Deren Erfahrungen mit unfreundlichen Publikumsreaktionen bereits Jahre zur\u00fcck reichten, um genau zu sein: in das Jahr 1958, in das ber\u00fchmte K\u00fcnstlerlokal Adebar in der Annagasse in der Wiener Innenstadt. Damals hatten Walter Muhammad Malli und Richard Ahmad Pechoc, der eine 18 Jahre jung und aus Graz stammend, der andere 19 und geb\u00fcrtiger Wiener, beide Studenten bei Albert Paris G\u00fctersloh an der Akademie der bildenden K\u00fcnste, in der Adebar erstmals \u00f6ffentlich ihrem Hobby gefr\u00f6nt. Immer dann, wenn die Haus-Band pausierte, begannen sie am dortig aufgestellten Fl\u00fcgel abwechselnd spontan zu improvisieren \u2013 und das, obwohl beide pianistische Autodidakten waren. Oft und gerne erz\u00e4hlt wird dabei die Geschichte des darob wenig begeisterten Ober erz\u00e4hlt, der die beiden unter Androhung von Ohrfeigen vom Klavier zu vertreiben suchte. Allerdings gesellte sich in der Adebar auch ein ausgebildeter Bassist namens Toni Michlmayr zu den beiden Teenagern und enthob damit deren Experimente erstmals der Sph\u00e4re unbek\u00fcmmerten Dilettierens.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren mehrten sich die n\u00e4chtlichen Jazzlokaltouren, im Zuge derer Malli, Pechoc und Kollegen in musizierender Absicht potenzielle Auditorien verunsicherten. Es waren dies stets kurze, unsanft beendete Auftritte, einmal \u2013 so wird erz\u00e4hlt \u2013 h\u00e4tte ein Lokalbesitzer sogar die Klaviatur aus seinem Fl\u00fcgel entfernt, um auf diese Weise Richard Ahmad Pechoc am Spielen zu hindern. Walter M. Malli erz\u00e4hlt: <cite>\u201eDamals war ja \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit, das zu spielen, eine Utopie. (&#8230;) Allein unser Auftreten hat die Leute schon schockiert.\u201c<\/cite> Und an anderer Stelle: <cite>\u201eWenn ich zusammen mit Barabbas in ein Musiklokal eingetreten bin, wurde so mancher alteingesessener Jazzer bleich im Gesicht! Bereits unser Anblick war offenbar furchterregend; die hatten Angst, dass wir in die laufende Session einsteigen k\u00f6nnten.\u201c<\/cite> Der furchterregende Anblick hatte allerdings tats\u00e4chlich mit einem un\u00fcblichen \u00c4u\u00dferen zu tun: Der sp\u00e4tere Saxofonist Harun Ghulam Barabbas trug lange Haare, sp\u00e4ter eine Irokesen-Frisur, Malli und Pechoc kleideten sich mit Fez und Pluderhosen, was mit den arabischen Namen Muhammad und Ahmad zu tun hatte: Diese r\u00fchrten daher, dass die beiden Freunde und Studienkollegen 1958 zum Islam konvertiert waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr frei improvisierte Jazzmusik im Wien der fr\u00fchen 1960er-Jahren ein aufgeschlossenes Publikum oder auch nur offenohrige Musikerkollegen zu finden, schien damals ein Ding der Unm\u00f6glichkeit zu sein. Hatte der Jazz einerseits zu dieser Zeit noch nicht den Aufstieg zu einer in ihren Rezeptions- und Edukationsmechanismen der klassischen Musik nahe stehenden Kunstform vollzogen und haftete der Musik mitunter noch immer ein subkulturelles B\u00fcrgerschreck-Image an, so war andererseits das Klima in \u00d6sterreichs Jazz-Szene um 1960 ein eher konservatives. Nachdem die Improvisationsmusik in der zweiten H\u00e4lfte der 50er-Jahre durch Fatty Georges Lokalgr\u00fcndungen in der Wiener Innenstadt eine Bl\u00fctezeit erlebt hatte, entzogen nun die aufkommende Welle des Rock\u2019n\u2019Roll wie auch das sich mit Einf\u00fchrung des Fernsehens ver\u00e4ndernde Freizeitverhalten dem Jazz Publikum und den Musikern Arbeitsm\u00f6glichkeiten. Dies manifestierte sich im Exodus beinahe der gesamten heimischen Musiker-Elite: Hans Koller lebte bereits seit 1950 in Deutschland, ihm folgten im Laufe der Jahre Roland Kovac, Carl Drewo und Fritz Pauer nach, w\u00e4hrend Vera Auer, Attila Zoller und Joe Zawinul nach New York \u00fcbersiedelten. Aufgeschlossene, an neuen Str\u00f6mungen interessierte Musiker von Format fehlten. Auch Fatty George verlie\u00df nach der beh\u00f6rdlichen Schlie\u00dfung seines Saloon am Petersplatz im Fr\u00fchjahr 1963 Wien ein zweites Mal in Richtung Deutschland. Im Club, der von Mai bis September desselben Jahres als Art Center eine nochmalige kurze Bl\u00fcte als Jazz-Zentrum und Szene-Treff der Wiener Boheme erlebte, fanden indessen auch die Musiker um Malli und Pechoc zuweilen ein Forum f\u00fcr ihre Musik. Richard Ahmad Pechoc erinnert sich an eine Begebenheit, die seine und seiner Mitstreiter kontrastierende \u00e4sthetische Anschauungen pointiert veranschaulichte: <cite>\u201eWir haben einmal dort gespielt, und dann ist der Fatty George gekommen mit ein paar Musikern, mit seiner Gruppe halt, und die haben jedenfalls vorgehabt, dort zu proben. Sie haben gesagt, dass wir aufh\u00f6ren sollen. Und wir haben aufgeh\u00f6rt und sind gegangen. Er hat [zuvor noch] eine Zeit lang interessiert zugeh\u00f6rt und hat dann gefragt, ob ich das jetzt wiederholen kann, was ich da gespielt habe. Ums Wiederholen geht es denen immer. Ich wei\u00df nicht mehr genau, was ich gesagt habe, aber jetzt wei\u00df ich ganz genau, dass es Dinge gibt, die unwiederholbar sind. Und gerade auf die kommt es eigentlich an.\u201c<\/cite><\/p>\n<p>Offiziell f\u00fcr ein Konzert engagiert wurden die Wiener Free-Jazzer in diesen Jahren nur ein einziges Mal \u2013 und das bezeichnenderweise nicht in Wien, sondern in Graz. Mit der Er\u00f6ffnung des Forum Stadtpark wurde im November 1960 der Grundstein f\u00fcr die internationale Reputation der steirischen Kapitale als Literatur-Hochburg gelegt, jedoch auch \u2013 dank neun Referaten \u2013 anderen Sparten der Grazer Kulturlandschaft ein Kristallisationspunkt etabliert. So auch der nach dem Krieg von den britischen Besatzern gef\u00f6rderten, vitalen steirischen Jazzszene: Retrospektiv scheint es kein Zufall, dass sich gerade in Graz, wo 1965 europaweit erstmals die akademische Verankerung der Jazzausbildung gelang, erstmals ein Veranstalter gegen\u00fcber den seltsamen Kl\u00e4ngen der Wiener Musiker offen zeigte. Allerdings stie\u00df das Konzert des Ahmad Pechoc Trios am 28. Mai 1961 im Forum Stadtpark mit Pechoc (Klavier), Malli (Schlagzeug) und Karl Anton Fleck (Bongos, Congas) selbst hier auf Pfiffe und Ablehnung durch das Publikum. <cite>\u201eJazzfreunde ergriffen die Flucht\u201c<\/cite> titelte tags darauf der Bericht im Grazer Montag.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend erscheint die distanzierte Reaktion der Zuh\u00f6rerschaft nicht \u00fcberraschend, bedeuteten die teils g\u00e4nzlich themenlosen, teils sehr frei interpretierten Thelonious-Monk- und Sonny-Rollins-St\u00fccke doch die \u00f6sterreichweit erste \u00f6ffentliche Darbietung von Musik, die ein paar Jahre sp\u00e4ter <cite>\u201eFree Jazz\u201c<\/cite> genannt werden sollte. Zu einer Zeit, wohlgemerkt, in der man selbst in New York angeh\u00f6rs der Experimente eines Ornette Coleman und eines Cecil Taylor erst ratlos von einem <cite>\u201eNew Thing\u201c<\/cite> zu sprechen begann, und noch geraume Zeit, bevor die Welle der freien Improvisation Mitte der 1960er-Jahre nach Europa her\u00fcberschwappte.<br \/>\n<cite>\u201eDas Publikum zeigte massive Ablehnung; dass da auch die Lokalpresse kr\u00e4ftig dreinschlug, hat uns nat\u00fcrlich besonders gefreut. (&#8230;) Die Reaktionen waren uns Best\u00e4tigung genug, dass wir \u2018richtig lagen\u2019\u201c<\/cite> \u2013 so gab Walter Malli anno 1988 im Magazin Jazzlive zu Protokoll. Ihm und seinen Kollegen bedeutete Ablehnung durchaus keine Entmutigung, vielmehr Best\u00e4tigung im Anders-Sein, oder besser: im Selbst-Sein \u2013 denn dieses Anders-Sein war mitnichten Selbstzweck. Musikalisch ging es nicht um Provokation, sondern um die Freiheit, Musik nach eigenem Gutd\u00fcnken zu machen. Auch der \u00dcbertritt zum Islam und wenig sp\u00e4ter zur Baha\u2019i-Religion geschahen nicht als Gag oder aus juvenilem Subversionsdrang heraus. Wiewohl beide, Malli und Pechoc, betonen, ihre Konvertierung sei auch als Distanzbekundung gegen\u00fcber der von parteipolitischen und kirchlichen Institutionen getragenen Kunstszene (etwa in Gestalt der deklarierten Katholiken Boeckl und G\u00fctersloh oder der Galerie n\u00e4chst St. Stephan) gedacht gewesen, so stand doch das Interesse an den theologischen Inhalten im Vordergrund. Pechoc etwa besch\u00e4ftigte sich intensiv mit dem Koran und arbeitete sich in der Nationalbibliothek durch die f\u00fcnfb\u00e4ndige Enzyklop\u00e4die des Islam.<\/p>\n<p>Das Konzert im Forum Stadtpark blieb eine Eintagsfliege. Ein halbes Jahrzehnt sollte vergehen, bis die Musiker wieder regul\u00e4r vor Publikum spielen konnten. Dass die Masters of Unorthodox Jazz trotz dieses unwirtlichen Umfelds einen langen Atem bewiesen und f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter \u00fcberhaupt noch existieren, hatte \u2013 so die These des Autors dieser Zeilen \u2013 auch eine andere Ursache: Der Wille zur Abgrenzung nach au\u00dfen ging mit der M\u00f6glichkeit der Solidarisierung nach innen einher. Will hei\u00dfen: Ein besonderer R\u00fcckzugsbereich, eine Art gesch\u00fctzte Werkst\u00e4tte bot jenen Freiraum, in dem die Musiker ohne alle Hemm- und Hindernisse ihrer Musik fr\u00f6nen konnten und zudem soziale Akzeptanz, Best\u00e4tigung erfuhren. Diesen Raum fanden Walter Malli und Richard Pechoc, die als junge Maler die Erfahrung gemacht hatten, dass ihnen die etablierten Galerien verschlossen blieben, dass andererseits mit selbst organisierten Ausstellungen durchaus Aufmerksamkeit zu erzielen war, in der ber\u00fchmten Galerie zum roten Apfel. Diese wurde am 11. Juli 1959 in einem Hinterzimmer der elterlichen Wohnung Pechocs in der Landstra\u00dfer Hauptstra\u00dfe 74 er\u00f6ffnet und entwickelte sich rasch zu einem Fixpunkt innerhalb Wiens Galerien-Szene. J\u00fcrgen Leskowa, Martha Jungwirth und einmal auch Hermann Nitsch stellten hier Bilder aus, Alfred Schmeller, damals Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts, sp\u00e4ter <cite>\u201eder Apollinaire des \u2018roten Apfel\u2019\u201c<\/cite> genannt , und ab 1962 auch Walter Koschatzky, der in diesem Jahr das Direktorat der Graphischen Sammlung Albertina \u00fcbernahm, waren gern gesehene Vernissageng\u00e4ste.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1183\" aria-describedby=\"caption-attachment-1183\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/roterApfel.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1183\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/roterApfel-220x300.jpg\" width=\"430\" height=\"588\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/roterApfel-220x300.jpg 220w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/roterApfel.jpg 562w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1183\" class=\"wp-caption-text\">Galerie zum roten Apfel (Foto: Karl Anton Fleck)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Musik war in der Galerie zum roten Apfel von Anfang an mit an Bord \u2013 zumal die Wohnung der Familie Pechoc jener Ort war, an dem 1956 die Improvisationsexperimente von Richard Pechoc und Walter Malli, ersterer am Klavier, zweiterer an Sopransaxophon bzw. Tamburin und Triangel (als Schlagzeug-Ersatz), begonnen hatten. Im November 1959 zeigte Malli in der Galerie sieben abstrakte, mit Salute to John Coltrane \u00fcberschriebene Aquarelle. Inspiriert war diese Hommage von Coltranes Saxophon-Soli auf der ber\u00fchmten, 1959 eingespielten Miles-Davis-LP Kind of Blue. Neben dem Abspielen von Schallplatten war Jazz indessen alsbald auch in Gestalt von Live-Einlagen der beiden Jung-Galeristen pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Die Bekanntschaft mit Karl Anton Fleck, der am 27. M\u00e4rz 1961 erstmals in der Galerie zum roten Apfel ausstellte, bedeutete einen wichtigen Impuls. Fleck war nicht nur gelernter Grafiker und Tiefdruckretuscheur, sondern auch Schlagzeuger. Er hatte Ende der 1940er-Jahre Walter Heidrichs Institut f\u00fcr Jazzmusik absolviert und sich in der Wiener Jazzszene einen Namen gemacht. Der Weg von der Fachsimpelei \u00fcber Jazz zum Gespr\u00e4ch auf den Instrumenten d\u00fcrfte nicht weit gewesen sein und unversehens, noch im selben Monat, sah sich Fleck auch in seinen musikalischen Ambitionen in den Kreis der Galerie integriert. Er war auch der Dritte im Bunde des Ahmad Pechoc Trios, das im Mai 1961 sein erstes und \u2013 in dieser Besetzung einziges \u2013 Konzert im Forum Stadtpark in Graz gab.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1151\" aria-describedby=\"caption-attachment-1151\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Pechoc.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1151\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Pechoc-300x242.jpg\" width=\"430\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Pechoc-300x242.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Pechoc.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1151\" class=\"wp-caption-text\">Das Ahmad Pechoc Trio 1961 im Forum Stadtpark, Graz (Foto: Horst Br\u00fcckl)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Harun Ghulam Barabbas \u2013 mit b\u00fcrgerlichem Namen Klaus Mayrhofer \u2013 hatte bereits 1960 in der Galerie zum roten Apfel Bilder ausgestellt, ab 1961 wurde der damals 18-J\u00e4hrige im Rahmen der musikalischen Sessions aktiv. Der Posten des Pianisten war freilich bereits mit Pechoc besetzt, auf sein und Mallis Anraten entschied sich Barabbas daher f\u00fcr das Saxofon. Pechoc erinnert sich, die T\u00f6ne seien aus Barabbas\u2019 neuem Instrument sogleich <cite>\u201egesprudelt wie aus einer Quelle\u201c<\/cite> , nach Walter Malli hat das <cite>\u201eNaturtalent (&#8230;) von der ersten Minute [an] schon so gespielt, wie er es dann auch in den folgenden Jahren praktiziert hat.\u201c<\/cite> Autodidaktisch und nur nach dem Geh\u00f6r ging Barabbas daran, die M\u00f6glichkeiten von Alt- und Tenorsaxophon auszuloten. Barabbas war auch derjenige, der im August 1964 vier Musiker \u2013 neben ihm selbst Walter M. Malli (Schlagzeug), Richard A. Pechoc (Klavier) und den Fagottisten Horst Br\u00fcckl alias Alaeddin Adlernest, einen Jugendfreund Mallis aus Graz, nunmehr im Orchester der Grazer Philharmoniker besch\u00e4ftigt \u2013 dazu veranlasste, sich in ein Tonstudio zu begeben und dort Aufnahmen zu machen. Diese sind unver\u00f6ffentlicht geblieben, bedeuteten aber doch eine Z\u00e4sur: Die musikalischen Resultate festhalten zu wollen, dies war auch ein Ausdruck des Bewusstseins um die Relevanz der klingenden Aktivit\u00e4ten. Anl\u00e4sslich dieser Aufnahmen wurde auch der Name Masters of Unorthodox Jazz gefunden \u2013 der August 1964 kann also als Gr\u00fcndungsdatum gelten.<\/p>\n<p>Fungierte die Galerie zum roten Apfel also einerseits als eine Art Kontaktb\u00f6rse, als Feld zur Rekrutierung gleichgesinnter Musiker, so war dies andererseits der Ort, an dem die MoUJ dann und wann, vor allem bei Vernissagen, eine aufgeschlossene Zuh\u00f6rerschaft finden konnten. <cite>\u201eIn K\u00fcnstlerkreisen sah man unsere Musik als \u2019Aktion\u2019, in Jazzkreisen als Bedrohung\u201c<\/cite>, hat Harun Ghulam Barabbas die Rezeption der fr\u00fchen Experimente res\u00fcmiert. Am 30. J\u00e4nner 1965 erlebte die Galerie zum roten Apfel ihre letzte Ausstellungser\u00f6ffnung. Das Haus wechselte den Eigent\u00fcmer, die Familie Pechoc musste umziehen, die Galerie somit ihre Pforten schlie\u00dfen. In gewisser Weise hatte sie ihre Rolle als Karrieretrittbrett freilich bereits erf\u00fcllt: 1964 war Pechoc in die K\u00fcnstlervereinigung Der Kreis aufgenommen worden, Malli wurde diese Ehre im M\u00e4rz 1965 zuteil, mit einigem zeitlichem Abstand folgten auch Barabbas (1970) und Fleck (1973). Fortan bot dieser Zusammenschluss bildender K\u00fcnstler in j\u00e4hrlichen Gemeinschaftsausstellungen im Wiener K\u00fcnstlerhaus \u00d6ffentlichkeitsgarantien und Kontaktm\u00f6glichkeiten. Und auch musikalisch schafften Malli, Pechoc und Co. kurz darauf den Sprung an die \u00d6ffentlichkeit: Am 22. Juni 1966, knapp eineinhalb Jahre nach Schlie\u00dfung der Galerie zum roten Apfel, feierten die MoUJ mit einem Konzert im Internationalen Kulturzentrum in der Annagasse endlich doch ihr sp\u00e4tes Wien-Deb\u00fct. Um wiederum drei Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 1969, in dem auch die mit einem Cover von Arnulf Rainer versehene Deb\u00fct-LP Overground erschien, jene eingangs dieses Aufsatzes zitierten Aufwallungen bei Publikum und Medien zu erzeugen, die anderswo schon zehn Jahre zuvor passiert waren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_750\" aria-describedby=\"caption-attachment-750\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/CoverOverground.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-750\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/CoverOverground-300x284.jpg\" width=\"430\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/CoverOverground-300x284.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/CoverOverground-1024x968.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/CoverOverground.jpg 1236w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-750\" class=\"wp-caption-text\">Masters, von Arnulf Rainer gestaltetes Cover zur Deb\u00fct-LP \u201cOverground\u201d (1969)<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Fritz Novotnys Reform Art Unit und der Freundeskreis<\/h3>\n<p>Etwa zur gleichen Zeit wie die Masters of Unorthodox Jazz, vermutlich einige Monate sp\u00e4ter , erschien ein anderes Ensembles mit verwandten Interessen auf der Bildfl\u00e4che: Die von Sopransaxofonist und Fl\u00f6tist Fritz Novotny geleitete Danube Art Group. Anfang des Jahres 1967 in Reform Art Unit (RAU) umbenannt, sollte diese Formation den MoUJ in den folgenden Jahren durch personelle \u00dcberlappungen und durch ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zwischen Konkurrenz und Kooperation verbunden sein. F\u00fcr beide Ensembles wurde in den Jahren um 1970 das Museum des 20. Jahrhunderts zur Heimst\u00e4tte, gemeinsam ver\u00f6ffentlichte man 1971 die Doppel-LP <cite>\u201eVienna Jazz Avantgarde\u201c<\/cite>. W\u00e4hrend die Masters 1975 auseinander gingen, existiert die <span class=\"caps\">RAU<\/span> bis heute.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1166\" aria-describedby=\"caption-attachment-1166\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/RAU.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1166\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/RAU-228x300.jpg\" width=\"430\" height=\"566\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/RAU-228x300.jpg 228w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/RAU.jpg 583w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1166\" class=\"wp-caption-text\">Reform Art Unit im Museum des 20. Jahrhunderts, 1970 (Foto: Eduard Frischauf)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Fritz Novotnys Erfahrungen mit \u00f6ffentlichen Reaktionen waren weniger feindselige, weniger skandaltr\u00e4chtige. Interessanterweise fungierte auch in seinem Fall eine Art gesch\u00fctzte Werkstatt als Startrampe, als Raum, in dem er seine musikalischen Interessen in Ruhe Gestalt annehmen lassen und ausleben konnte. In Gegensatz zur Galerie zum roten Apfel war dies freilich keine physische Adresse, sondern eine soziale \u2013 ein Personenkreis. Ab 1958 war Novotny in Wien in eine lose Clique gleichaltriger junger Menschen hineingewachsen, die an intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Themen ebenso interessiert waren wie an gesellschaftlichen Vergn\u00fcgungen, wobei das Interesse an Literatur im Mittelpunkt stand. Primus inter pares in diesem sukzessive wachsenden Netzwerk war Rolf Schwendter, sp\u00e4ter als Schriftsteller, Protestlieds\u00e4nger und Professor f\u00fcr Devianzforschung an der Universit\u00e4t Kassel bekannt geworden. Schwendter hat die Geschichte jener informellen Gruppe bzw. des Freundeskreises, wie man sich bald nannte, 2003 in seinem Buch Subkulturelles Wien. Die informelle Gruppe (1959\u20131971) aufgearbeitet. Dort schreibt er:<cite>\u201eEs gab die gro\u00dfe Koalition und ab 1966 die \u00d6VP-Alleinregierung. Ein l\u00e4hmender gesamtgesellschaftlicher Konsens legte sich bleiern \u00fcber das gesellschaftliche Leben und konnte subkulturelle Aktivit\u00e4ten von vornherein nur als (der Tendenz nach) kriminell oder psychopathisch wahrnehmen. Es gab Krawattenzwang und Konsumationszwang, Titelhascherei und Parteienproporz sowie an vielen Stellen Rasierzwang und Heeresverehrung (wohlwollende Blicke auf die Geschichte zwischen 1938 und 1945 inbegriffen). Die Jugendh\u00e4user wurden um 22 Uhr geschlossen, der Jazz wurde als \u201eNegermusik\u201c nach Harlem verw\u00fcnscht. An den Universit\u00e4ten war die Autorit\u00e4tsanerkennung ungebrochen, die Legitimit\u00e4t des \u201evorehelichen Geschlechtsverkehrs\u201c hart umstritten, und im Zweifelsfall galten die Normen des Milieukatholizismus. (&#8230;) Homosexualit\u00e4t war verboten und unterlag der Strafverfolgung. Ebenso verboten war, dank der Herren Torberg und Weigel, das Spielen der St\u00fccke von Bertolt Brecht (dies zwar nicht unter Strafverfolgung, doch gab es f\u00fcr Autoren, die an Brecht gelernt hatten, ein faktisches Publikationsverbot). Auf jugendliche Subkulturen konkretisiert: Es gab keine R\u00e4ume f\u00fcr der Tendenz nach abweichende Aktivit\u00e4ten. (&#8230;) Nichts lag da n\u00e4her als das Ausweichen in Privatr\u00e4ume (&#8230;), in zuf\u00e4llig ungenutzte Kellerr\u00e4ume elterlicher Mietvertr\u00e4ge, in leer stehende Bunker und Bauruinen, \u00f6ffentliche Parkanlagen, Schrebergartenh\u00fctten oder Extrazimmer von Wirtsh\u00e4usern, die so schwach besucht waren, dass selbst unser niedriger Konsumationspegel f\u00fcr die Wirtsleute hinl\u00e4nglich Anreize bot.\u201c<\/cite><\/p>\n<p>Die Regeln dieser informellen Gruppe, so Schwendter, seien sehr einfach gewesen: Jede Person hatte das recht, Veranstaltungen zu beliebigen Themen in beliebiger Form vorzuschlagen. Dabei durfte keine wie auch immer geartete Zensur ausge\u00fcbt werden. Eine Person \u2013 zumeist er, Schwendter, selbst \u2013 sammelte die Vorschl\u00e4ge, stimmte die Termine aufeinander ab und k\u00fcmmerte sich um geeignete R\u00e4umlichkeiten. Diese Veranstaltungen wurden \u00fcber Aussendungen angek\u00fcndigt, wobei <cite>\u201ejeder Mensch, der\/die vom \u201aFreundeskreis\u2019 erfuhr und dies wollte, in den Verteiler aufgenommen zu werden [hatte].\u201c<\/cite> Lesungen aus fremden Werken, Plattenabende, Leseauff\u00fchrungen, rein dem Vergn\u00fcgen dienende <cite>\u201eSocials\u201c<\/cite> und Diskussionen zu politischen oder gesellschaftlichen Themen dominierten in den Anfangsjahren. Fritz Novotny engagiert sich fr\u00fch in Sachen Musik, er organisierte Plattenabende, aber auch Lesungen. Wichtig waren f\u00fcr ihn indessen auch die so genannten <cite>\u201eArt Sessions\u201c<\/cite>, Meetings, die Rolf Schwendter <cite>\u201eeine interdisziplin\u00e4re, K\u00fcnste und Wissenschaften \u00fcbergreifende Innovation, die gleichzeitig auch noch die Kluft zwischen Mitwirkenden und Zuh\u00f6renden \u00fcberwinden sollte\u201c<\/cite>, nannte, und die einer Vielzahl spontaner aktionistischer Launen zwischen Literatur, Musik, Essen und Trinken \u2013 oft auch simultan \u2013 Raum gaben. Aus der Fr\u00fchphase sei noch die Reihe Jazz, Poetry &amp; Booze als musikalisch relevant erw\u00e4hnt, wo <cite>\u201ezugleich Lyrik mit dazu harmonierenden Jazzplatten gelesen und dazu harmonierender Alkohol [und anderes; Anm.] getrunken\u201c<\/cite> wurde: Das ergab Kombinationen wie Miles Davis\/Henry Miller\/Rum oder Thelonious Monk\/Georg Trakl\/Jasmintee.<\/p>\n<p>Mit dem weiteren stetigen Zustrom neuer Mitglieder, mit dem Anschwellen des Freundeskreises verdichteten sich die unterschiedlichen Interessen und Vorlieben zu Gravitationspunkten innerhalb der gemeinsamen Aktivit\u00e4ten. Arbeitskreise wurden gegr\u00fcndet, um die disparaten Affinit\u00e4ten zu b\u00fcndeln und zu koordinieren. In den Informationen an den Freundeskreis des Jahres 1966 finden sich beispielsweise Hinweise auf Aktivit\u00e4ten von Gruppen f\u00fcr alte Musik, Lyrik, Sozialwissenschaften und Friedensbewegung. Sp\u00e4ter erweiterten etwa Arbeitsgruppen f\u00fcr <cite>\u201eBauernschnapsen\u201c<\/cite> (geleitet von Joe Berger), Freik\u00f6rperkultur und <cite>\u201eMisthaufenstieren\u201c<\/cite> (geleitet von Fritz Novotny) oder <cite>\u201eKultur \u00f6stlich des Altai und \u00c4gyptens\u201c<\/cite> wie auch f\u00fcr Weltliteratur, Folklore, Scientology und Fu\u00dfball das Spektrum.<br \/>\nRadiojournalist Peter Zimmermann res\u00fcmierte im Rahmen eines \u00d61-Diagonal-Portraits Rolf Schwendters: <cite>\u201cDer Freundeskreis war demokratisch, jeder durfte gescheit sein, niemand musste sich bl\u00f6d f\u00fchlen. Das Publikum war man schlie\u00dflich selbst. (&#8230;) Der Freundeskreis wuchs, weil der Schess [Rolf Schwendter; Anm.] ein manischer Organisator war. Er sammelte Adressen, er schrieb Aussendungen, er \u00fcberzog Wien mit einem Beziehungsnetz, in dem sich vom Arbeiter bis zum Rechtsanwalt alle m\u00f6glichen sozialen Schichten und intellektuellen Anspr\u00fcche verfingen.\u201d<\/cite><\/p>\n<p>Auch Fritz Novotny arbeitete an diesem Beziehungsnetz mit. F\u00fcr seine musikalische Sozialisation waren die H\u00f6rbekanntschaft mit der Musik Yusef Lateefs, des Saxofonisten, der in den 1950ern die Oboe in den Jazz eingef\u00fchrt hatte, sowie John Coltranes \u2013 besonders dessen orientalisierendes Sopransaxofon im Rahmen der Platte Ol\u00e9 Coltrane \u2013 von Bedeutung. Wie auch der Kontakt zu den Musikern der Masters of Unorthodox Jazz, besonders zu Harun Ghulam Barabbas. Novotny selbst und seine Freundeskreis-Kollegen irritierte das unorthodoxe Jazzspiel des Saxofonisten und seiner Kollegen naturgem\u00e4\u00df weniger als viele andere: <cite>\u201eF\u00fcr uns war es auch v\u00f6llig normal, dass in der Galerie zum roten Apfel Malli mit Barabbas eine archaische Art von Jazz machten, die sie woanders nicht spielen konnten. Wenn sie in irgendeinem Studentenclub aufgetaucht sind, hie\u00df es: \u201aAh, das sind die, schnell, schiebt das Klavier weg!\u2018 F\u00fcr uns war das normal, es war nichts absurd, es gab f\u00fcr uns kein absurdes Theater, keine absurde Musik.\u201d<\/cite><\/p>\n<p>Es scheint logisch, dass Novotny alsbald vom Musik Rezipierenden zum Musik Produzierenden mutierte. Zu den im Rahmen des Freundeskreises veranstalteten Free-Jazz-Plattenabenden traten die im Rahmen der <cite>\u201eAG Free Jazz\u201c<\/cite> organisierten Sessions, wobei sich Novotny hiebei von den Musikern des Freundeskreises sukzessive abkoppelte. Im Dezember 1965 suchte er per Zeitungsinserat nach Mitstreitern, der sich daraufhin meldende Trompeter Sepp Mitterbauer ist bis heute wesentlicher Protagonist der Reform Art Unit. Die erste verb\u00fcrgte musikalische Darbietung bestritt Novotnys Ensemble \u2013 noch unter dem Namen Danube Art Group \u2013 im Dezember 1966. Im Fr\u00fchjahr 1967 wurde die Formation in Reform Art Unit umbenannt, als die sie bis heute existiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1114\" aria-describedby=\"caption-attachment-1114\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/NovotnyMitterbauer.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1114\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/NovotnyMitterbauer-300x249.jpg\" width=\"430\" height=\"357\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/NovotnyMitterbauer-300x249.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/NovotnyMitterbauer-1024x849.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/NovotnyMitterbauer.jpg 1408w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1114\" class=\"wp-caption-text\">Fritz Novotny und Sepp Mitterbauer, ca. 1970 (Foto: unbekannt)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Fragen, ob sich die Masters auch ohne Galerie zum roten Apfel konstituiert h\u00e4tten, ob Fritz Novotny auch ohne die informelle Gruppe Musiker geworden w\u00e4re, sind hypothetisch, aber interessant: Die R\u00e4umlichkeiten in der Landstra\u00dfer Hauptstra\u00dfe, aber auch die an wechselnden Orten stattfindenden Veranstaltungen des Freundeskreises hatten eine doppelte Funktion: Zum einen jene einer Kontaktb\u00f6rse zur Rekrutierung Gleichgesinnter. Zum anderen jene der Schaffung von Freir\u00e4umen, in denen ohne jeden Leistungsdruck, ohne Erwartungshaltungen von Seiten eines Auditoriums in aller Ruhe kreative Energien und Ideen ausgelebt und ausgelotet werden konnten. Ohne diese gesch\u00fctzten Werkst\u00e4tten scheint es zweifellos fraglich, ob in den sp\u00e4teren Protagonisten der Wiener Free-Jazz-Avantgarde im konservativen Umfeld Wiens der 1950er- und 1960er-Jahre \u00fcberhaupt jemals die Idee gekeimt w\u00e4re, improvisierte Musik zum Lebensmittelpunkt zu machen. Und wenn, dann w\u00e4re ihr Weg wohl ein g\u00e4nzlich anderer gewesen.<\/p>\n<blockquote><p>Andreas Felber, Mag. Dr., Studium der Musikwissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft in Salzburg und Wien. Freie musikwissenschaftliche und musikjournalistische T\u00e4tigkeit mit den Arbeitsschwerpunkten Jazz, ethnische, elektronische und zeitgen\u00f6ssische Musik f\u00fcr die Tageszeitung \u201cDer Standard\u201d sowie Fachmagazine in \u00d6sterreich und Deutschland. Seit 2003 Lehrauftr\u00e4ge am Institut f\u00fcr Popularmusik der Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Wien (gemeinsam mit Michael Huber bzw. Ekkehard Jost). 2008\/09 Kurator und Organisator der Konzertreihe \u201eComposers\u2019 Lounge\u201c des \u00d6sterreichischen Komponistenbunds. Moderation und Gestaltung u. a. der <span class=\"caps\">ORF<\/span>-Radiosendungen \u201cJazznacht\u201d, \u201cJazztime\u201d, \u201eSpielr\u00e4ume\u201c und \u201eZeit-Ton\u201c (Programm \u00d61). Seit Juni 2015 Leiter der \u00d61-Jazzredaktion. Publikation: \u201cDie Wiener Free-Jazz-Avantgarde \u2013 Revolution im Hinterzimmer\u201d Wien-K\u00f6ln-Weimar 2005.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesch\u00fctzte Werkst\u00e4tten: Die Entstehung der Wiener Free-Jazz-Avantgarde im Umfeld der 1950er- und 1960er-Jahre Von einem \u201ct\u00f6nendes Gruselkabinett\u201d war da Mitte Dezember 1969 in der Tageszeitung Kurier zu lesen , im Volksblatt hingegen von \u201eJazz zum Abgew\u00f6hnen\u201c und einer \u201cmusikalische[n] Geisterbahn\u201d, wobei im selben Artikel zudem der Ruf nach der Gr\u00fcndung eines \u201cInstrumentenschutzvereines\u201d laut wurde. 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