{"id":2382,"date":"2016-12-15T11:34:18","date_gmt":"2016-12-15T11:34:18","guid":{"rendered":"http:\/\/viennavant.cloud.d2mc.com\/?page_id=2382"},"modified":"2016-12-15T11:34:18","modified_gmt":"2016-12-15T11:34:18","slug":"referat-diedrich-diederichsen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.viennavant.at\/en\/symposium-teststrecke-kunst-wiener-avantgarden-nach-1945\/politik-der-wiener-avantgarden\/referat-diedrich-diederichsen\/","title":{"rendered":"Referat Diedrich Diederichsen"},"content":{"rendered":"<div id=\"main\">\n<div id=\"content\">\n<div id=\"contentMain\">\n<h2>Gegen die Wirklichkeit. Der Sprung aus der Geschichte und seine Geschichte<\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Diederichsen4.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-760 size-medium\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Diederichsen4-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Diederichsen4-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Diederichsen4-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Diederichsen4.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Wer von Avantgarde redet, muss von Ungleichzeitigkeit reden. Oder von Zeitmischungen. Wann immer jemand eine Praxis f\u00fcr avantgardistisch h\u00e4lt, spricht er von einer Avanciertheit, ein Fortgeschrittensein in der Zeit gegen\u00fcber einem Rest der Welt. In den 1910er Jahren gab es ein globales Gef\u00fchl von einer technisch-politischen Zukunftsexplosion, eigentlich war jeder ein Avantgardist und konnte diesen Anspruch eigentlich nur aufrecht erhalten, indem er den anderen \u00fcberbot. In den 1950er Jahren gab es auf der ganzen Welt ein Gef\u00fchl der R\u00fcckschrittlichkeit, so dass jeder kleine Schritt schon ein avantgardistischer sein musste. Eigentlich war auch damals jeder ein Avantgardist.<\/p>\n<p>\u201eDas kulturelle Klima in \u00d6sterreich war grau, kalt und stickig zugleich, die Informationen aus dem Ausland sickerten wie Nebelschwaden ein und wurden von den Altvorderen ignoriert. Jede Art Absicherung vor dem Neuen war zur Zeit des kalten Krieges Gebot; die \u00dcberpr\u00fcfung des Bestehenden fast so etwas wie ein Verbrechen.\u201c Diese Rede h\u00f6rt man oft. Es ist die Standard-Beschreibung der \u00f6sterreichischen 50er Jahre und aus dieser Beschreibung lassen sich sehr verschiedenartige Negationen, die man sich frei ausdenken k\u00f6nnte, theoretisch ableiten. Es lassen sich aber eben auch sehr viele empirische historische Negationen begr\u00fcnden. Gegen stickige K\u00e4lte kann man sein, indem man f\u00fcr azurblaue Sommerhimmel k\u00e4mpft, aber auch indem man einen dichten Landregen unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Diese Beschreibung ist aber nicht nur die Standard-Beschreibung der \u00f6sterreichischen 50er, man h\u00f6rt sie in \u00e4hnlichen Worten, mindestens in der gesamten postfaschistischen Provinz, also in Bezug auf die kulturelle Lage in der <span class=\"caps\">BRD<\/span>, der <span class=\"caps\">DDR<\/span> und in \u00d6sterreich. Aber nur geringf\u00fcgig anders akzentuiert, erklingt dieses Lied auch in vielen anderen L\u00e4ndern Europas und der gesamten westlichen Welt, wenn es darum geht ein merkw\u00fcrdiges Zeitverh\u00e4ltnis zu schildern. Die K\u00fcnstler sind den anderen voraus, aber nicht so wie sonst, weil sie schneller, hipper, aufmerksamer sind, sondern auf einer ganz tiefen ontologischen Ebene. Sie bewohnen eine andere Wirklichkeit: sie stehen noch im Kontinuum dessen, was man als Zeitgenosse denken kann, die anderen, die Vielen sind in eine abgr\u00fcndige Dumpfheit zur\u00fcckgefallen. Gerade dadurch, dass sie an der Wirklichkeit nicht teilnehmen, geh\u00f6ren sie zur Geschichte.<\/p>\n<p>Mittlerweile sind Isolation und bornierte R\u00fcckschrittlichkeit der 50er Jahre zu einem begehrten Thema von Film und Fernsehen aufgestigen \u2013 und zwar in einem merkw\u00fcrdig fortschrittsmelancholischen Sinn. In Filmen wie \u201eRevolutionary Road\u201c von Sam Mendes nach Richard Yates oder der vielgelobten und ausgezeichneten Fernsehserie \u201eMad Men\u201c von Matthew Weiner und anderen werden Frauenunterdr\u00fcckung und Rassismus als Spielarten dieser Dumpfheit als ferne, l\u00e4ngst gel\u00f6ste Probleme in eine duftige Verpackung aus akribisch rekonstruierten Fashion-Details und Innenarchitektur zu statuarischen Schauwerten eingewattet und zu einer magischen Welt, in der wahnsinnig viele harte Cocktails und Martinis schon am helllichten Tag durch dichten Zigarettenqualm gesch\u00fcttet werden, verkl\u00e4rt. Zugleich werden aber auch kleine politische Fortschritte, Zivilisierungs- und Modernisierungsleistungen rekonstruiert und in einer Zeit, in der es davon nicht mehr so viele als Fortschrittserlebnisse zu registrieren gibt, gegen eine Folie der schlechten Alternative hell ausgeleuchtet.<\/p>\n<p>Im Nachhinein erweist sich vor allem ein Detail als besonders schwer vorstellbar: Der Umstand, dass keine Informationen aus dem Ausland besessen zu haben, nicht nur genau dies bedeutet hat, n\u00e4mlich weniger Informationen und Vergleichsm\u00f6glichkeiten besessen zu haben, mithin in einer armen \u2013 und daher grauen, nebligen \u2013 Welt gewohnt zu haben. Sie ist ja seitdem hinreichend bunt geworden. Nein, vor allem hat dies bedeutet, so etwas wie den Stand der Dinge nicht gekannt zu haben; nicht nur einen konkreten Stand der Dinge, sondern auch so etwas wie einen Begriff vom Stand der Dinge nicht gehabt haben zu k\u00f6nnen. Der von Adorno in den 50ern so massiv vertretene Begriff des Materialstands, also einer historischen Wahrheit \u00fcber das k\u00fcnstlerisch Erreichte, M\u00f6gliche und N\u00f6tige l\u00e4sst sich in diesem Lichte auch als ein Versuch verstehen, nicht nur der realen Provinzialit\u00e4t und Abgeschnittenheit auf der begrifflichen Ebene etwas entgegen zu setzen, sondern auch als ein, an der Grenze zur Paranoia angesiedelter, Versuch auf diesem Terrain vor allen anderen absolut wachsam zu sein. In Adornos Werk tauchen die Begriffe \u201eFluxus\u201c und \u201eSituationismus\u201c bis zu seinem Tod im Jahre 1969 nicht ein einziges Mal auf, auch die zentralen Akteure der Wiener Avantgarden der Nachkriegszeit kommen bei ihm nicht vor, nicht einmal Warhol, Rauschenberg oder Kaprow. Aber auch bei der Lekt\u00fcre von Gerhard Richters Gespr\u00e4ch mit Benjamin Buchloh ist es ziemlich deprimierend, wie die Rekonstruktion der Absichten des K\u00fcnstlers nur \u00fcber eine m\u00fchselige Einzelbefragung danach m\u00f6glich wird, was Richter denn wann kennen gelernt h\u00e4tte. Dabei stellt sich heraus, dass es teilweise zehn bis f\u00fcnfzehn Jahre gedauert hat, bis ein ja auch in den 60er Jahren nicht unbekannter und kaum von der Welt abgeschnittener deutscher K\u00fcnstler von den wichtigsten internationalen Positionen seiner Generation erreicht worden ist. Die so genannte Wiener Gruppe und beispielsweise die Pariser Lettristen haben auch nichts von einander gewusst, obwohl sich einige \u00d6sterreicher recht ausgiebig in Paris aufgehalten haben und obwohl beide Gruppen ja eine Geschichte verbindet, die von einer literarisch-performativen Avantgarde schlie\u00dflich in eine m\u00fcndet, die eher in der Bildenden Kunst landet und wahrgenommen wird. In vieler Hinsicht \u00e4hnelt das Verh\u00e4ltnis Lettristen \u2013 Situationisten der Entwicklung von Wiener Gruppe zu Aktionisten. Ob die apokryphe Anekdote stimmt, nach der Hundertwasser einmal von Guy Debord unter Einsatz der F\u00e4uste, aus dem Moineau, dem Stammlokal der Lettristen, hinaus geworfen worden sei, also die einzige bemerkenswerte \u00f6sterreichisch-franz\u00f6sische Begegnung im Avantgarde-Milieu der Epoche ein Faustkampf war, sei dahin gestellt.<\/p>\n<p>Wenn man sich aber die Gemeinsamkeit all dieser von einander unabh\u00e4ngig \u00c4hnliches produzierenden Praktiken und Personen in Europa, Japan, den <span class=\"caps\">USA<\/span>, Teilen von S\u00fcdamerika ansieht, fallen einem neben der gemeinsamen, aktuellen wie retrospektiven Einsch\u00e4tzung von einer vollkommen unangemessenen kulturellen Umgebung, in die man hineingeboren sei, auch die gro\u00dfen Unterschiede auf, die aus dieser Einsch\u00e4tzung abgeleitet werden. Fast \u00fcberall wird aus der Einsch\u00e4tzung einer unertr\u00e4glichen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Provinzialit\u00e4t, eine dem gegen\u00fcber wahre Aktualit\u00e4t abgeleitet. Die deutsche Gruppe <span class=\"caps\">SPUR<\/span> etwa, die sich bald darauf der Situationistischen Internationale anschlie\u00dfen sollte, um kurz darauf wieder ausgeschlossen zu werden, w\u00e4hnte diese wahre Zeitgenossenschaft ausdr\u00fccklich in einem verhei\u00dfungsvollen globalen Ausland \u2013 doch im Ausland empfand man ja ganz genau so, sogar im gepriesenen New York waren es nur eine Handvoll von Aktiven, die sp\u00e4ter nahezu ausnahmslos ber\u00fchmt werden sollten. Die Zeit selbst war global so aus den Fugen, dass die Kommunikation von K\u00fcnstlern mit ihren Zeitgenossen generell ausgeschlossen schien. Es ist also vielleicht an der Zeit die Wahrnehmung des je eigenen Ortes als besonders provinziell, \u201edas sagenhaft zur\u00fcckgebliebene Bewusstsein im Verh\u00e4ltnis zu dem, was gedacht vorliegt\u201c , die ja von Erz\u00e4hlung zu Erz\u00e4hlung fortgeschrieben wird bis man sie f\u00fcr ein historisches Faktum h\u00e4lt, selber provinziell zu nennen. Sucht man \u00fcber diese Besonderheit nach einer Besonderheit der Wiener Avantgarde stellt man nur fest, dass gerade die Provinzialit\u00e4t ein globales Faktum war.<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit damals bestand zwar darin, einen objektiven Stand der Dinge aus der eigenen k\u00fcnstlerischen Praxis zu extrapolieren: wenn es schon keine fortgeschritteneren Milieus und Zivilisationen gab, auf die man h\u00e4tte zeigen und von denen man h\u00e4tte siegen lernen k\u00f6nnen, dann h\u00e4tte man versuchen k\u00f6nnen, aus dem was in Bezug auf die verschiedenen Ideen von k\u00fcnstlerischen Fortschritt schon erreicht worden war, einen Ma\u00dfstab zu gewinnen. Aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter konnten Kunst-immanente Ma\u00dfst\u00e4be nicht ausreichen, es musste ein Denken her, das geschichtsphilosophisch \u00fcber Kategorien f\u00fcr Fortgeschrittenheit und R\u00fcckschrittlichkeit verf\u00fcgte, die das Problem der Zur\u00fcckgebliebenheit, \u201eden Unverstand der Einzelnen, der \u00d6ffentlichkeit\u201c in eine gr\u00f6\u00dfere Diagnose eintragen w\u00fcrde. Diese Rolle \u00fcbernahm fast \u00fcber all in den oben genannten Weltteilen die hegelianisch-marxistische Geschichtsphilosophie, in je unterschiedlichen Spielarten und in je unterschiedlicher Weise mit einer politischen Praxis und einem k\u00fcnstlerischen Aktivismus verbunden. Hier nun l\u00e4sst sich tats\u00e4chlich eine \u00f6sterreichische Besonderheit konstruieren, die ich auf drei mit einander verbundene Behauptungen herunter brechen will.<br \/>\n1. In \u00d6sterreich resp. in Wien war die radikale Avantgarde deutlich weniger im Sinne der global erfolgreichen neuen Linken politisiert. Wenn sie eine Geschichtsphilosophie hatte, dann die eines eher mit technisch-wissenschaftlichen Fortschritt vereinbaren Fortschreitens des Denkbaren.<br \/>\n2. Sprach- und kognitionstheoretische \u00dcberlegungen spielten eine Rolle, die sie anderswo nicht spielten. Selbst bei den eher erfahrungs- und k\u00f6rperorientierten Akteuren gab es einen Begriff von Erkenntnis, der nichts mit der politischen Erkenntnis oder Lesbarkeit von Verh\u00e4ltnisse zu tun hatte<br \/>\n3. Dennoch ist aber gerade die \u2013 zumindest in einem marxistischen Sinne \u2013 nicht politisierte Wiener Avantgarde besonders massiv von der Staatsmacht verfolgt worden, so massiv wie wahrscheinlich keine politisierte k\u00fcnstlerische Avantgarde in irgendeinem anderen westlichen Staat. Erst die Verfolgung des Critical Arts Ensemble bzw. ihres Mitglieds Steve Kurtz im letzten Jahrzehnt w\u00e4re in ihrer repressiven Energie vergleichbar.<\/p>\n<p>Diese Behauptungen gilt es nun zun\u00e4chst zu \u00fcberpr\u00fcfen, um dann, wenn etwas von ihnen \u00fcbrig bleiben sollte, zu fragen, was es mit dieser Besonderheit auf sich hat. Die literarische Avantgarde der 50er kennt zun\u00e4chst bohemistische Orientierungen, die sehr lange Konstanten k\u00fcnstlerischer Politik im Westen sein sollten \u2013 und kaum als g\u00e4nzlich unpolitisch zu beschreiben w\u00e4ren; zum einen den \u201eprotest gegen das konventionelle, anonyme, normative, der sich jedoch weniger durch eine aggression nach au\u00dfen als durch ein dokumentiertes, subjektiv bedingtes anders-, eigensein ausdr\u00fcckte\u201c , wie Gerhard R\u00fchm es f\u00fcr die fr\u00fchen Nachkriegsjahre notiert. Dann w\u00e4re der pazifistische Protest gegen die Wiederbewaffnung zu nennen, der sich die Gruppe anschloss, was nicht zuletzt durch ein Manifest von Artmann dokumentiert wurde. Und besonders fr\u00fch im internationalen Vergleich kommt die Orientierung an nichtb\u00fcrgerlichen jugendlichen Subkulturen hinzu, die sowohl als B\u00fcndnispartner wie aber auch als so etwas wie lebende Vertreter eines neuen Standes der Dinge angesehen wurden: \u201cdie welle der alarmierenden \u2019halbstarken\u2019-debatten ging soeben hoch. wegen verschiedener vorf\u00e4lle hatten die spiesser wieder einmal schiss bekommen. wir sahen dieses problem auf unsere weise, wir begr\u00fcssten das rebellische verhalten; man m\u00fcsste dem nur eine richtung geben, nat\u00fcrlich die unsre. wiener hatte mancherlei kontakte zu diesen kreisen, bayer auch. es stellte sich heraus, dass sich die halbstarken \u00fcberraschend f\u00fcr moderne kunst begeistern liessen. ihr jazz-enthusiasmus war ein guter ankn\u00fcpfungspunkt, er machte sie empf\u00e4nglich f\u00fcr alles unkonventionelle, \u201emoderne\u201c, sie begannen auf anraten konzerte moderner musik (zb webern) zu besuchen, anarchistische literatur zu verschlingen. verfremdete und erfundene vokabeln, die ihnen wiener und bayer (als en vogue) zuspielten, wurden sofort in ihren jargon aufgenommen \u2013 zu unserem nicht geringen wohlgefallen. Da waren noch unverbaute vorurteilsfreie menschen, zu jedem abenteuer bereit. bei artmann wurden die chancen eines staatstreichs mit ihrer hilfe diskutiert, eine diktatur der progressiven jugend \u00fcber die saturierte, noch von der naziideologie verseuchte \u00e4ltere generation. wir verteilten bereits die ressorts an uns.\u201c<\/p>\n<p>Eine Revolte samt Staatsstreich mithilfe der Jugend ist eine alles andere als provinzielle Vorstellung, wenn sie tats\u00e4chlich im Jahre 1954, was man aus R\u00fchms Erinnerungstext schlie\u00dfen kann, schon so weit gediehen war. Eine Politisierung der anderen einsamen Nachkriegsavantgarden \u2013 sieht man von der Surrealismus-Nostalgie bei einigen Pariser Bewegungen ab \u2013 begann nicht vor den sp\u00e4ten 50ern. Dass die neu entstehenden Jugendkulturen als B\u00fcndnispartner angesehen wurden, ist der Zeit sogar f\u00fcnfzehn Jahre voraus; kaum jemand d\u00fcrfte sie in welchem Sinne auch immer als progressiv angesehen haben. Alles andere als unpolitisch und alles andere als provinziell st\u00fcrzt man sich in Pl\u00e4ne zur Umgestaltung der Kulturindustrie nach der Macht\u00fcbernahme: Liquidierung der Presse, Schlie\u00dfung des Rundfunks \u201ebis zur vollst\u00e4ndigen umbesetzung und neugestaltung (\u2026) leuchtreklamen sollten nicht mehr der werbung dienen, sondern rhythmische \u2019konstellationen\u2019 blinken, kilometersteine semantische signale tragen, die sich beim vorbeifahren zu einem weitr\u00e4umigen textgebilde zusammenf\u00fcgen, d\u00fcsenj\u00e4ger sollten \u2019laut- und wortgestaltungen in den himmel zeichnen. Wiener war bereit, das gesamte erziehungswesen total zu reformieren. bei uns w\u00e4re alles nach zweck- und profitfreien \u00e4sthetischen gesichtspunkten gegangen.\u201c<\/p>\n<p>Warum ist es aber in den folgenden Jahren nicht weitergegangen mit diesem Programm zwischen Revolution und Gesamtkunstwerk? \u201euns gefiel diese vorstellung so gut\u201c, erinnert sich R\u00fchm, \u201edass wir, schon im hinblick auf die fade organisationsarbeit gar nicht daran dachten, sie in die tat umzusetzen.\u201c Und: \u201edie vorstellung war uns immer schon ein ziemlich vollwertiger ersatz f\u00fcr den nachttopf, denn wir haben gepisst wo und wann wir dazu bed\u00fcrfnis sp\u00fcrten. wir kannten keine rangordnung von \u201awirklichkeiten\u2019.\u201c Aha, ist man versucht zu antworten, das ist ja verst\u00e4ndlich, wer hat schon Lust, die Revolution zu organisieren. Niemand mag die fade B\u00fcrokratenarbeit und wer sie einklagen will, ist auf Moralismen angewiesen, die zwar berechtigt sein m\u00f6gen, aber eben Moralismen bleiben: mit ihnen kann nicht arbeiten, wer gegen das Normative aufbegehrt. Doch erkl\u00e4rt das allein nicht, warum man sich f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter eben auch theoretisch und k\u00fcnstlerisch nicht mehr an den oben genannten Vorhaben und B\u00fcndnissen interessiert scheint, sondern sich pl\u00f6tzlich oder auch nicht so pl\u00f6tzlich nunmehr mit \u201esprachwissenschaften, denkmethoden, wittgenstein, den neopositivisten und kybernetik\u201c besch\u00e4ftigt. Dies tut man nicht, um \u201efader Organisationsarbeit\u201c zu entgehen, sondern um die Ablehnung der \u201eHierarchien von Wirklichkeit\u201c und damit den Begriff von Wirklichkeit an sich im Nachhinein theoretisches Material nachzuliefern.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ferdinand Schmatz sind es die je unterschiedlichen Gegnerschaften zur Wirklichkeit, die die beiden Gro\u00dfstr\u00f6mungen der Wiener Avantgarde, den Aktionismus samt Umfeld einerseits und die Wiener Gruppe samt dem ihren unterscheiden und zugleich, so w\u00fcrde ich hinzuf\u00fcgen, einheitlich unterscheiden vom Rest der Nachkriegsavantgarden; denn beide Gegnerschaften sind un- oder antipolitisch, was, wie wir noch sehen werden, nicht hei\u00dft, dass sie keine erheblichen politischen Konsequenzen erzielen konnten. Der aktionistische Kampf richtete sich f\u00fcr die Schaffung einer Wirklichkeit durch Kunst und die wiederum in je unterschiedlicher Weise bei etwa M\u00fchl, Brus oder Frohner. Sprache und Begrifflichkeit sind Einschr\u00e4nkungen gegen\u00fcber einer als total gedachten, in besonderem Ma\u00dfe k\u00f6rperlichen Erfahrung, die von K\u00fcnstlerposition zu K\u00fcnstlerposition anders gef\u00e4rbt jeweils das Gef\u00e4ngnis des Diskursiven schlechthin durchbrechen will. Bei den zun\u00e4chst nicht nur sprachwissenschaftlich interessierten, sondern generell zunehmend zum Szientismus neigenden Angeh\u00f6rigen der ersten Wiener Gruppe f\u00fchrt der Weg durch die Sprache \u00fcber die Sprache hinaus. Gegen z.B. Wittgenstein und das Privatsprachenargument entdeckt Wiener, eine nicht sprach-isomorphes Denken und innere Bewegungen ganz anderer Art, die sich dann im n\u00e4chsten Schritt aber eben gerade nicht als zu befreiende innere Menschennatur erweisen, sondern angeblich wiederum strukturiert seien wie Turing-Maschinen \u2013 um diesen Ansatz, \u00fcber den, wie ich annehme im Rahmen dieser Tagung schon gesprochen worden sein wird, nur extrem verk\u00fcrzt wiederzugeben.<\/p>\n<p>Beiden gemeinsam, Wiener als dem zugespitztesten Vertreter der ersten Wiener Gruppe einerseits und den unterschiedlichen Zertr\u00fcmmerungen der Wirklichkeit zugunsten einer selbst gemachten oder erzwungenen Wirklichkeit der Kunst, der Direktheit und der k\u00f6rperlichen Authentizit\u00e4t andererseits, ist dass sie sich nicht auf den linken Grundsatz einlassen wollen, sich der aktuellen Wirklichkeit erstmal zu stellen. Wirklichkeit, so denkt es ja die linke politische Position und wei\u00df sich dabei nur auf den ersten Blick mit den beiden Wiener Avantgarde-Positionen einig, ist allemal ein ernst zunehmendes Gegen\u00fcber, ein veritabler Feind. Doch im Gegensatz dazu h\u00e4lt sie die Erkenntnis der Wirklichkeit f\u00fcr schwieriges Gel\u00e4nde, eine Aufgabe, der anspruchsvolle Beschreibungen wie Diagnostik entsprechen. Die Wirklichkeit ist n\u00e4mlich in ihrer Position nie ganz im Unrecht, sie ist immer auch zu Recht dort, wo sie ist, denn sie ist ja gegen eine andere falsche Wirklichkeit da angekommen. Sie ist nur undialektischerweise in dieser Richtung einfach dumm geradeaus weiter marschiert, nicht wissend, dass diese Richtung ja nur in Bezug auf den anderen Fehler eingeschlagen wurde, nicht absolut als richtiger Weg. Eine solche Zurechtlegung des Feindes Wirklichkeit richtet sich zwar gegen die konkret wirklichen Verh\u00e4ltnisse, nicht aber gegen einen historischen oder genealogischen Begriff der Wirklichkeit, den h\u00e4lt sie hoch, ja an ihm misst sie die Wahrheit der Kritik, deren \u201eH\u00f6he\u201c an einer bestimmten Entwickeltheit der Verh\u00e4ltnisse, also einem Prozess festgemacht wird, den man auch unterbieten kann; der auch eine Aufgabe ans eigene Niveau benennt.<\/p>\n<p>Die Wirklichkeitsfeindlichkeit ist in den 50er und 60er Jahren aber auch kein exklusiv Wiener Ph\u00e4nomen; dennoch k\u00f6nnte man sagen, dass ihr Niveau und\/oder ihre Intensit\u00e4t weltweit nach Vergleichbaren sucht; vor allem aber ist dies das Besondere: Die Ablehnung des Begriffs der Wirklichkeit f\u00fchrt in allen Protest- und Jugendkulturen des Planeten zwischen 1955 und 1970 zu einem friedlichen Verhalten, seine Anerkennung zu einem aggressiven, militanten. Nur in Wien hat Wirklichkeitsablehnung militant gemacht \u2013 und eine politische Antwort, nicht eine der Wirklichkeit provoziert. Wirklichkeitsignoranten wurden anderswo Hippies, nahmen Drogen und orientierten sich an \u00f6stlichen Religionen oder diesen nachempfundenen After-Religionen. Ihre Tragik war, dass tats\u00e4chlich der Begriff der Wirklichkeit \u2013 als das nicht Ber\u00fccksichtigte ihrer Orientierung \u2013 ihnen zum Verh\u00e4ngnis wurde: \u201eWenn die Wirklichkeit Dich \u00fcberholt, hast Du keine Freunde nichtmal Alkohol, Du stehst in der Fremde Deine Welt st\u00fcrzt ein, das ist das Ende, Du bleibst allein\u201c, wie die D\u00fcsseldorfer Fehlfarben den Nepal-Heimkehrern und Bhagwan-Fl\u00fcchtlingen am Ende ihrer Epoche dann um 1980 vorsingen konnten . Diejenigen, die den Begriff akzeptierten und seinen konkreten Inhalt mehr oder weniger bek\u00e4mpften, konnten dagegen im Rest der Welt, von wenigen zu radikalen Ausnahmen abgesehen, Karriere machen, wenn sie ihren Kampf aufgaben, und dies den Marsch durch die Institutionen nennen. Nur in Wien gab es Leute, die den Wirklichkeitsbegriff nicht akzeptierten, darob in heftige Konfrontationen gerieten und deswegen ins Exil gehen mussten.<\/p>\n<p>Auch die verschiedenen Wirklichkeitskritiken, die sich semiotisch, neo-psychoanalytisch, ph\u00e4nomenologisch, ideologie- oder \u00f6ffentlichkeitskritisch gegen den Wirklickeitssinn und die Wirklichkeitsvereinbarung der Herrschenden oder der herrschenden Meinung richteten, was ja eine aufbl\u00fchende Richtung der akademischen wie der subkulturellen 60er Jahre ausmachte, taten dies, um ein \u201efalsches Bewusstsein\u201c politisch anzuprangern, dem eine korrekte Lekt\u00fcre der Verh\u00e4ltnisse und der von ihnen verursachten Konstruktionen entgegenzusetzen w\u00e4re, mithin eine Idee einer wirklicheren, tieferen, wahren Wirklichkeit, der Wirklichkeit der Verh\u00e4ltnisse. Zwar stand nunmehr der Wirklichkeitsbegriff einer commonsensualen Alltagsvernunft zur Disposition, aber selbst noch bei den Anh\u00e4ngern von Anti-Psychiatrie und <span class=\"caps\">LSD<\/span>-Astronautik ging es um Dinge wie Dekonditionieren eines Wahrnehmungsapparats, der ja aus politischen Gr\u00fcnden konditioniert war, so etwa bei psychedelischen Marxisten wie David Cooper . Das Dritte zwischen Eskapismus \u2013 ein Begriff und ein Standard-Vorwurf gegen den Wiener in der Verbesserung von Mitteleuropa einen antizipierenden Gegenvorwurf an die Adresse der Ideologiekritik formuliert hat \u2013 und Ideologiekritik suchte man vermutlich nur in Wien.<\/p>\n<p>Es ist sicher ein billiger Reflex, an dieser Stelle nach dem Musil im Regal zu greifen, weil man nach einer Wiener Konstante sucht oder gar eine gefunden zu haben glaubt. Daf\u00fcr wird man aber wenigstens sehr schnell f\u00fcndig: \u201eSie haben etwas ungemein Gef\u00e4hrliches begonnen, gro\u00dfe Kusine. Die Menschen sind unendlich froh, wenn man sie so l\u00e4sst, da\u00df sie ihre Ideen nicht verwirklichen k\u00f6nnen!\u201c \u2013 \u201eUnd was w\u00fcrden denn Sie tun\u201c, fragte Diotima \u00e4rgerlich \u201ewenn Sie einen Tag lang das Weltregime h\u00e4tten??\u201c \u2013 \u201eEs w\u00fcrde mir wohl nichts \u00fcbrig bleiben, als die Wirklichkeit abzuschaffen!\u201c \u2013 \u201eIch w\u00fcrde wirklich wissen wollen, wie Sie das anfingen!\u201c \u2013 \u201eDas wei\u00df ich auch nicht. Ich wei\u00df nicht einmal genau, was ich damit meine. Wir \u00fcbersch\u00e4tzen ma\u00dflos das Gegenw\u00e4rtige, das Gef\u00fchl der Gegenwart, das, was da ist.\u201c Dies ist nicht die erste Stelle, an der Ulrich den Begriff der Wirklichkeit und dessen Verwandten, die Gegenwart ablehnt: \u201eEs ist einfach meine \u00dcberzeugung (\u2026), da\u00df Denken eine Einrichtung f\u00fcr sich ist, und das wirkliche Leben eine andere. Denn der Stufenunterschied zwischen den beiden ist gegenw\u00e4rtig zu gro\u00df. Unser Gehirn ist einige tausend Jahre alt, aber wenn es nur alles halb zu Ende gedacht und zur anderen H\u00e4lfte vergessen h\u00e4tte, so w\u00e4re sein treues Abbild die Wirklichkeit. Man kann ihr nur die geistige Teilnahme verweigern.\u201c Wirklichkeit als Gegner, als Aufgabe f\u00fcr Diagnostik bleibt mithin den kleinen Geistern vorbehalten, der feine Mann besch\u00e4ftigt sich mit etwas Anderem. Dieses Andere aber besteht nun in einer nerv\u00f6sen Diagnose dieser Gegenwart, einem best\u00e4ndigen Abgleichen der Realit\u00e4t dieser Irrealit\u00e4t mit den Begriffen des alten Gehirns. Die Aktualit\u00e4t, die gemeinte zeitgen\u00f6ssische Wirklichkeit scheint doch genau, aus der Differenz zu dem zu bestehen, das konstant und alt am Gehirn zu bezeichnen w\u00e4re. Aber was das ist und ob es das so gibt, solche Konstanten und solche alten, unangepassten, distanten Komponenten des Gehirns arbeitet ja gerade zeitgen\u00f6ssische Forschung heraus. Sind dann nicht marxistisch-avantgardistische Gegenwartsdiagnose, Lekt\u00fcre der Verh\u00e4ltnisse auf der einen Seite und das Primat des alten Hirns andererseits nicht zwei Seiten der gleichen Abstandsmessung? Unterschieden nur im Erkenntnisziel?<\/p>\n<p>War denn das Graue und Neblige, das am \u00d6sterreich der 50er zu beklagen war, eigentlich auch kein aus Verdr\u00e4ngung und Schuld, Zerst\u00f6rung und Vernichtung gewobenes geistiges Elend, sondern eher die Banalit\u00e4t, eine Banalit\u00e4t, in der die des B\u00f6sen und die des Wirklichen sich trafen und schlie\u00dflich bis zur Unkenntlichkeit mischten? Ist der Spie\u00dfer \u2013 der allgegenw\u00e4rtige Gegner \u2013 ein Vertreter der Schuld oder einer der Bl\u00f6dheit oder sollen wir die Schuld vor allem als Bl\u00f6dheit deuten, ist Niedertracht als Mangel an Intelligenz und Feinsinn zu betrachten?<\/p>\n<p>In Varianten hat diese Frage auch fr\u00fchere Avantgarden besch\u00e4ftigt. Ob eine Avantgarde sich als funktional begreift, also in einer historisch nicht n\u00e4her bestimmten, potenziell andauernden Distanz nicht nur zur Realit\u00e4t einer Gesellschaft, sondern auch zu dem Begriff von dieser Realit\u00e4t, oder ob sie einfach nur einen historischen Fortschritt antizipiert, so dass dieselbe Distanz also mit der Gesellschaft einen Prozess teilt, nur von einer anderen historischen Position aus, war auch die Frage der Dadaisten und Surrealisten. Die Nachkriegsavantgarden aber h\u00e4tten gelernt haben k\u00f6nnen, dass Avantgardismus im einen wie im anderen Verst\u00e4ndnis sich zum Faschismus, der sein (vorl\u00e4ufiges, historisches) Ende bedeutet, in keiner Weise verhalten konnte. Dass er f\u00fcr diese Gegenwart und diese Tendenz keine Diagnose hatte, hat, so k\u00f6nnte man schlussfolgern, seine Position der Distanz in ein bestimmtes Unrecht gesetzt. Ist vielleicht dadurch zu erkl\u00e4ren, dass der Position der Distanz, der Wirklichkeitsleugnung, -distanzierung und \u2013\u00fcberbietung in den \u00f6sterreichischen Nachkriegsavantgarden von Anfang an ein \u00e4u\u00dferst aggressiver, konfrontativer Gestus sich beimischte, der zwar die Wirklichkeit leugnete, aber sich mit dem Spie\u00dfer, also ihrem Vertreter dennoch nachhaltig anlegte? So dass die Distanz gelebt werde konnte, ohne die Quittung der katastrophalen Hilflosigkeit der Vorkriegsavantgarden ausgestellt zu bekommen?<\/p>\n<p>Die eine Synthese dieser Spannung wird sicher im Konzept des Bio-Adapters von Oswald Wiener zu Ende gef\u00fchrt. Hier wird die gesamte Realit\u00e4t \u00e4hnlich wie Jahrzehnte sp\u00e4ter in der \u201eMatrix\u201c der Wachowski-Br\u00fcder als per Simulation ersetzbar gesetzt \u2013 in gleichem Ma\u00dfe wie f\u00fcr denselben Autor sich gerade das \u201ezutiefst Menschliche\u201c als k\u00fcnstlich und berechenbar erweisen sollte. Der linke Einwand, dass Realit\u00e4t eine soziale Vereinbarung sei, aber nur politisch durchsetzbar und zur Durchsetzung von Politik konstruiert, prallt dann daran ab, dass die, die das Soziale ausmachen, auch wie Maschinen berechenbar oder konstruierbar sind. Der Gegeneinwand w\u00e4re, dass gerade die soziale Realit\u00e4t, jeder operationalen Version dieses Gedankens regelm\u00e4\u00dfig Unrecht gibt.<br \/>\nDie andere Synthese sind die Konflikte mit einer neuen Generation linker Autoren und Autorinnen wie Michael Scharang oder Elfriede Jelinek, die 1969 in \u201emanuskripte\u201c dann eine Gegenfront gegen Alfred Kolleritsch er\u00f6ffnen, der seinerseits vorher den Versuch gemacht hat, die linke und die antirealistische Revolte zu synthetisieren, und dann doch am Schluss seine Briefes an Scharang die Position einnahm, er w\u00fcrde wom\u00f6glich doch lieber \u201ewenn es etwas zu besetzen gibt mit dem Peter Handke oder dem Ossi Wiener gehen als mit Dir\u201c.<\/p>\n<p>In dieser Phase ist der Konflikt aber auch schon so gut wie vorbei, weil in den 70ern sich die Haltungen allm\u00e4hlich multiplizieren und nicht mehr als antagonistische Konflikte um die Realit\u00e4t erscheinen. Nach und nach d\u00fcrfen sogar die Exilierten aus Berlin zur\u00fcckkehren. Die Vereinsamung der \u00f6sterreichischen Avantgarden hat, genau wie die der meisten anderen L\u00e4nder der Erde, ein Ende, schon in den 80er Jahre werden sie und die meisten ihrer Mitglieder zuhause und in der ganzen Welt geehrt und ausgezeichnet, wenn nun auch f\u00fcr entweder vergangene oder ganz individuelle L\u00f6sungen. Der spezifische andere Antagonismus zwischen Linken und zwei Sorten Wirklichkeitsfeinden geriet wom\u00f6glich aus dem Blickfeld, vor allem derjenigen, die nach den Spezifika dieser einen Avantgarde-Geschichte suchten.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re ja m\u00f6glich, dass eben das Machen von Wirklichkeit mit k\u00fcnstlerischen Mitteln, die Poiesis von Situationen, da, wo sie sich alles andere als in einem kritischen, wirklichkeitsbezogenen Sinne als politisch verstand, eine bestimmte Idee von k\u00fcnstlerisch-revolution\u00e4rer Totalit\u00e4t um so reiner zum Ausdruck brachte als dort, wo solche Handlungen noch instrumentell in einem gezielt aufkl\u00e4rerischen Sinne eingesetzt wurden. Situationistische und studentenbewegte totale Handlungen hatten noch diesen didaktischen Kern, der nicht nur an der Situation und dem avantgardistischen Selbstverst\u00e4ndnis vorbeiging und der zahlenm\u00e4\u00dfig ja kleinen Gruppe von Revolution\u00e4ren eigentlich v\u00f6llig unangemessen war (viel zu viel oder viel zu wenig wollend); auch theoretisch w\u00e4re die performative Auff\u00fchrung des Zeitabstands \u2013 der Avantgarde ja angeblich ausmacht \u2013 nicht nur als aggressive Geste gegen den Spie\u00dfer, sondern auch als \u00dcberpr\u00fcfung des eigenen Selbstverst\u00e4ndnisses, ja des Begriffs der Avanciertheit interessanter gewesen als jede Form des Didaktischen. In diesem Sinne haben die Aktionisten und ansatzweise schon die Wiener Gruppe gemacht, wovon revolution\u00e4re Bewegungen in anderen Metropolen tr\u00e4umten. Und es nimmt nicht Wunder, dass Aktionen wie \u201eKunst und Revolution\u201c, ganz im Gegensatz zu den Intentionen der meisten Initiatoren immer wieder als linke Aktion beschrieben worden sind. Denn sie waren genau die Art Aktion, die eine k\u00fcnstlerische Linke Jahre sp\u00e4ter retrospektiv immer schon ausge\u00fcbt und dann sp\u00e4ter davon gelernt haben wollte.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte also meinen, dass die Nichtanerkenntnis der Wirklichkeit v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von den kognitions- und erkenntnistheoretischen Gr\u00fcnden bei Wiener und Wiener Gruppe und den eher anti-diskursiven Gr\u00fcnden bei den Aktionisten linke Aktionen in dem Sinne evozierten, als sie besser als andere die gesellschaftliche Wirklichkeit hervorbrachten und kenntlich machten, zu h\u00e4rteren Reaktionen n\u00f6tigten als die aufkl\u00e4rerisch absichtsvolle linke Widerspiegelei von diversen Zeitgenossen in anderen Metropolen; also in dem Sinne des vulg\u00e4r-erkenntnistheoretischen Kalauers, dass man gegen einen Stein treten muss, um seine Realit\u00e4t zu sp\u00fcren. Letzten Endes gibt es ohne Wirklichkeit keine Geschichte, ohne Geschichte aber keine Avanciertheit: Der Ausgangspunkt der Bewegung war aber die Wahrnehmung ihrer Avanciertheit.<\/p>\n<p>Heute gibt es eine Selbstzuweisung zur Oppositionalit\u00e4t in einer Reihe von k\u00fcnstlerischen Projekten, die sich ganz jeder avantgardistischen Anma\u00dfung enthalten. Den Anspruch vom zeitlichen Abstand, die Arroganz der Avanciertheit will niemand mehr als Position riskieren. Auch da ist etwas Richtiges gelernt worden: die Position der Provokation ist ja tats\u00e4chlich zu einer ebenso leeren wie beliebten Macho-Geste heruntergekommen, die nur noch ihren T\u00e4ter bekannt machen soll, nicht mehr Wirklichkeit markiert. Dennoch kann man sich vorstellen, dass eine bescheidener und sachlicher gewordene k\u00fcnstlerische Opposition von einer Konfrontationsstrategie, die zu wenig oder zu viel wei\u00df, Strategien ausborgen k\u00f6nnte. Die Zeitenmischung, in der wir heute leben, ist nicht mehr die aus Avanciertheit und R\u00fcckschrittlichkeit, sondern aus unterschiedlichen Positionen zu globalen Standards und Verkehrsformen, sie lie\u00dfen sich wom\u00f6glich in konfrontative Strategien \u00fcbersetzen, die ebenfalls vor dem Risiko nicht scheuen sollten, etwas Anderes zu erreichen, als man zu beabsichtigen wissen kann. Das w\u00e4re im besten Sinne experimentell.<\/p>\n<p>Am Schluss soll noch einmal das Jahr 1955 zu Wort kommen, von dem aus man eine Art historischer Gleichurspr\u00fcnglichkeit des \u00f6sterreichischen Staates wie seiner Avantgarde behaupten k\u00f6nnte. Adorno kommt nach Wien und findet es ruhig vor, erinnert sich aber an seine Jugend und daran, dass es damals in den 1920er Jahren nur in Wien, nicht in Berlin eine wahre Avantgarde gegeben habe. Doch als Jugendlichen habe ihn gewundert, dass diese Wiener Avantgarde in eine uralte semifeudale Gro\u00dfb\u00fcrgerlichkeit eingepackt war \u2013 dies sei ihm, wie er heute, 1955, wisse: naiverweise, als Widerspruch erschienen. Denn: \u201eAllm\u00e4hlich lernte ich verstehen, dass gerade dieser halb naive Befangenheit im Traditionellen die Voraussetzung zum K\u00fchnen, unbotm\u00e4\u00dfig Zarten abgab. Man musste gleichsam ges\u00e4ttigt sein mit der ganzen Tradition, um sie wirksam negieren, um ihre eigene lebendige Kraft gegen die Erstarrung wenden zu k\u00f6nnen.\u201c Die Frage bleibt, inwieweit nicht nur diese Negation, gemeint ist die Musik der so genannten zweiten Wiener Schule, sondern auch die der Nachkriegsavantgarden tats\u00e4chlich zu einer bestimmten Negation vorgedrungen sind. Und vor allem, ob es letzteren nicht gerade deswegen gelungen ist, weil sie eine viel allgemeinere, eigentlich unbestimmte Negation anstrebten. You can\u2019t bekanntlich always get what you want, wusste man damals, but you get what you need.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/DiederichsenSchmidtkunz1.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-761 alignnone\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/DiederichsenSchmidtkunz1-300x200.jpg\" width=\"430\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/DiederichsenSchmidtkunz1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/DiederichsenSchmidtkunz1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/DiederichsenSchmidtkunz1-272x182.jpg 272w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/DiederichsenSchmidtkunz1.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>Diedrich Diederichsen, o. Univ. Prof., Professor an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste, Wien, lebt in Berlin und Wien. Redakteur von Musikzeitschriften.<br \/>\nLetzte Ver\u00f6ffentlichungen: \u201cStein Schere Papier\u201d- Ausstellungskatalog (Co-Hg.) (Graz\/K\u00f6ln 2009), \u201d\u00dcber den Mehrwert (der Kunst)\u201d, (Berlin\/Rotterdam 2008), \u201cEigenblutdoping \u2013 Selbstverwertung, K\u00fcnstlerromantik, Partizipation\u201d (K\u00f6ln 2008), \u201cKritik des Auges \u2013 Texte zur Kunst\u201d (Hamburg 2008), \u201cArgument Son\u201d (Dijon 2007), \u201cGolden Years\u201d (Co-Hg., Graz 2006), \u201cMusikzimmer\u201d (K\u00f6ln, 2005), \u201cPersonas en loop\u201d (Buenos Aires, 2005).<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen die Wirklichkeit. Der Sprung aus der Geschichte und seine Geschichte Wer von Avantgarde redet, muss von Ungleichzeitigkeit reden. Oder von Zeitmischungen. 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