{"id":2351,"date":"2016-12-15T11:10:43","date_gmt":"2016-12-15T11:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/viennavant.cloud.d2mc.com\/?page_id=2351"},"modified":"2016-12-15T11:10:43","modified_gmt":"2016-12-15T11:10:43","slug":"diskussionsbeitrag-eva-badura-triska","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.viennavant.at\/en\/symposium-teststrecke-kunst-wiener-avantgarden-nach-1945\/erbe-und-verrat\/diskussionsbeitrag-eva-badura-triska\/","title":{"rendered":"Diskussionsbeitrag Eva Badura-Triska"},"content":{"rendered":"<div id=\"main\">\n<div id=\"content\">\n<div id=\"contentMain\">\n<h2>Zur Problematik des Avantgardebegriffs<\/h2>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"content\">\n<div id=\"contentMain\">\n<p><a href=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Badura1.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-609\" src=\"http:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Badura1-200x300.jpg\" width=\"167\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Badura1-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Badura1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.viennavant.at\/wp-content\/uploads\/Badura1.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><\/a>In Reflexion der Referate und Diskussion dieses Symposiums \u2013 wie auch als eine Art Response dazu \u2013 m\u00f6chte ich nochmals auf den Avantgardebegriff zu sprechen kommen, insbesondere auf dessen Anwendbarkeit auf die \u201eWiener Avantgarden zwischen 1945 und 1975\u201c. Ich verstehe meinen Beitrag als Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen vorsichtigen und differenzierten Umgang mit diesem Begriff sowie vor allem f\u00fcr dessen pr\u00e4zise Hinterfragung im jeweiligen Einzelfall.<\/p>\n<p>Immer wieder wurde hier Avantgarde mit \u201eavancierter\u201c Kunst gleich gesetzt. Das kann nur unzul\u00e4nglich sein, l\u00e4sst es doch die Frage nach Kriterien offen. Ab welchem Punkt ist eine Kunst \u201eavanciert\u201c genug um Avantgarde zu sein?<\/p>\n<p>Eine weitere Definition ist bekanntlich jene von Peter B\u00fcrger, der den Avantgardebegriff ausschlie\u00dflich auf jene Kunst angewendet haben will, die gesellschaftsver\u00e4ndernde, also ins politische gehende Anspr\u00fcche erhebt. In diesem Zusammenhang f\u00e4llt sehr oft das Schlagwort von einer \u201e\u00dcberf\u00fchrung der Kunst ins Leben\u201c \u2013 ein \u00e4u\u00dferst problematisches Schlagwort, das nur allzu oft undifferenziert und unreflektiert verwendet wird. Pr\u00e4ziser w\u00e4re es, von der Intention der Kunst zu sprechen, gesellschaftlich wirksam zu werden oder zumindest von einer Reflexion \u00fcber ihre gesellschaftlichen Wirkm\u00f6glichkeiten bzw. einem konkreten intervenierenden Handeln bestimmter K\u00fcnstler. Wirklich im Leben \u201eaufgel\u00f6st\u201c wurde die Kunst meines Wissens nie.<\/p>\n<p>Interessanterweise nie verwendet wurde in diesem Symposium der Begriff \u201eModerne\u201c, obwohl er oft f\u00fcr jene Manifestationen gebraucht wird, die diesen \u201eins Leben \u00fcberf\u00fchrenden\u201c, unmittelbar politischen Anspruch nicht erheben, also im Feld der Kunst bleiben und deren Autonomie nicht aufheben wollen. Die Manifestationen der Moderne und der Avantgarden (im B\u00fcrger\u2019schen Sinne) teilen in der Regel den utopischen Charakter ihrer Anspr\u00fcche und Postulate, weshalb diese Begriffe auch nicht selten synonym verwendet. Daraus ergibt sich insofern wieder ein anderer Definitionsansatz, als man Avantgarde (oder Moderne) auch \u00fcber Ihrem Gegensatz zu Postavantgarde bzw. Postmoderne definieren kann.<\/p>\n<p>Letzteres sind wieder zwei ungl\u00fcckliche Begriffe, insofern als ihr Pr\u00e4fix \u201epost\u201c ein \u201enachher\u201c also eine zeitliche Abfolge impliziert \u2013 die Postmoderne k\u00e4me demnach nach der Moderne -, was zumindest bei jener Sichtweise, der ich anh\u00e4nge nicht unbedingt geben sein muss:<br \/>\nDieser zufolge sind die Ismen der Avantgarden und Moderne bestimmt vom Anspruch der Errichtung (k\u00fcnstlerischer) Denksysteme, die auf Stimmigkeit in sich angelegt sind, \u2013 \u00e4hnlich klassischen Philosophien, als Konzepte mit L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen, die ein \u201eBesser und Richtiger\u201c anbieten, und damit einem Fortschrittsglauben unterliegen und sich als Beitr\u00e4ge zum Aufbau einer \u201ebesseren\u201c oder zumindest \u201erichtiger verstandenen\u201c Welt begreifen.<br \/>\nDie Postavantgarde (oder Postmoderne) hingegen erachtet solche Anspr\u00fcche vonvornherein als uneinl\u00f6sbar und erkennt, dass jeder derartige Ansatz auf letztlich willk\u00fcrlichen Annahmen beruhen muss. Ihre Herangehensweise wird vielmehr von einer grunds\u00e4tzlichen Bereitschaft zum Zweifel bestimmt, ebenso wie einem Bewusstsein f\u00fcr Ambiguit\u00e4ten. Sie zielt nicht nur auf die Dekonstruktion sich absolut setzender Denkans\u00e4tze, sondern beh\u00e4lt stets auch eine kritische Distanz zum eigenen Tun und begreift jegliche Aussagen oder Behauptungen \u2013 auch die eigenen \u2013 als relative, von Vorgaben und Kontexten abh\u00e4ngige. In der Kunst ist daher etwa Medienreflexivit\u00e4t nicht selten ein Aspekt einer postmodernen Herangehensweise.<\/p>\n<p>Eine solche Unterscheidung muss kein Epochebegriff sein. Die Postmoderne beginnt nicht in den 1960er, 1970iger oder 1980er Jahren, sondern diese unterschiedlichen Herangehensweise gibt es schon fr\u00fcher. Gerade jetzt, wo man den Konzepten der Moderne immer skeptischer gegen\u00fcber steht, sch\u00e4rft sich das Bewusstsein f\u00fcr kritische Gegenpositionen zu ihr. Solche hat es immer wieder gegeben. Sie wurden nur oft \u00fcbersehen bzw. abgelehnt oder unterbewertet, was man heute in einem neuen Licht sieht.<\/p>\n<p>Wenn man jetzt unter diesem Gesichtspunkt genau auf den Einzelfall schaut, \u2013 wof\u00fcr ich ja pl\u00e4diere \u2013 so m\u00f6chte ich in Bezug auf die \u00f6sterreichischen Avantgarden zwischen 1945 und 1975 an den Vortrag von Verena Krieger anschlie\u00dfen, der mir sehr gut gefallen hat.<\/p>\n<p>Sie hat den Ansatz von Hermann Nitsch auf einer strukturellen Ebene mit jenem von Valie Export verglichen. Unter dem Blickwinkel des Gegensatzes von Moderne und Postmoderne w\u00e4re man ja geneigt Nitsch\u2019 Gesamtkunstwerk-Konzept des Orgien Mysterien Theaters mit seinem Postulat der Erreichung von Abreaktion durch direkte und tabufreie Konfrontation mit intensiven sinnlichen Erfahrungen als ein klassisches utopisches Konzept der Moderne zu sehen, das auf eine \u201eVerbesserung des Menschen\u201c \u2013 und damit auch der menschlichen Gesellschaft \u2013 abzielt. Es st\u00fcnde somit im Gegensatz zu Valie Exports medienreflexiver wie auch Geschlechterkonstruktionen gegen\u00fcber kritischer Position, deren Relativierungen und Hinterfragungen als postmodernes Vorgehen anzusprechen w\u00e4re. Bei genauerer Betrachtung widerspricht dem aber etwa Nitsch\u2019 versatzst\u00fcckhafter und \u00c4quidistanz einnehmender Umgang mit Motiven und Konzepten bestehender Religionen quer durch Zeiten und Kulturen. Er unterliegt eindeutig einer \u201epostmodernen\u201c Herangehensweise. Gleiches gilt etwa auch f\u00fcr den unter anderem bei G\u00fcnter Brus und Otto Muehl anzutreffenden dekonstruktiven Umgang mit Geschlechtlichkeit. Im Wiener Aktionismus wurde sehr wohl auch m\u00e4nnlicherseits erwogen, was es etwa f\u00fcr die Welt- und Gesellschaftserfahrung bedeuten w\u00fcrde, wenn der eigene K\u00f6rper anders ausgestattet w\u00e4re. (Johanna Schwanberg hat im Hinblick auf Brus dar\u00fcber referiert.) Der oft vorschnell den Utopien der Moderne zugerechnete und so als Avantgarde-Bewegung gesehene Wiener Aktionismus vereint demnach also durchaus Z\u00fcge von Moderne und Postmoderne. \u00c4hnliches lie\u00dfe sich auch hinsichtlich der Wiener Gruppe konstatieren.<\/p>\n<p>In diese Kerbe des gleichzeitigen Vorhandenseins polarer Positionen in einem k\u00fcnstlerischen Entwurf schl\u00e4gt Dieter Bogner bekanntlich schon lange mit seinem wiederholt dargelegten Verweis auf das in der \u00d6sterreichischen Kunst seit der Jahrhundertwende so oft anzutreffende \u201eentweder\/und oder\u201c.<\/p>\n<p>Dies bringt mich noch zu einem weiteren Aspekt, der im diesem Symposium nie angesprochen wurde, n\u00e4mlich dem Bezug zu den k\u00fcnstlerischen wie intellektuellen Leistungen im Wien der Jahrhundertwende. Man hat ja oft von der damaligen Kunst gesagt, sie w\u00e4re nicht avantgardistisch gewesen, dabei l\u00e4sst sich auch deren teilweise \u201eAnti-Modernit\u00e4t\u201c heute \u2013 unter ver\u00e4ndertem Blickwinkel \u2013 wieder anders sehen und man kann in vielem Z\u00fcge von Moderne und Postmoderne vereint erkennen. Es ist hier auch nicht zur Sprache gekommen, welch wesentliche Grundlagen \u00d6sterreichische Denker wie Freud, Wittgenstein oder der Wiener Kreis nicht nur f\u00fcr die lokalen sondern f\u00fcr die internationalen Entwicklungen nach dem Krieg geliefert haben, wobei auch vieles davon, wie etwa die \u00d6sterreichische Tradition der Sprachkritik, als Wegbereiter (oder vielmehr wesentliche Vertreter!) postmoderner Ans\u00e4tze zu gelten hat.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Problematik des Avantgardebegriffs In Reflexion der Referate und Diskussion dieses Symposiums \u2013 wie auch als eine Art Response dazu \u2013 m\u00f6chte ich nochmals auf den Avantgardebegriff zu sprechen kommen, insbesondere auf dessen Anwendbarkeit auf die \u201eWiener Avantgarden zwischen 1945 und 1975\u201c. 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